Rise of the Tomb Raider: 20 Year Celebration – TEST
Rund ein Jahr nach ihrem ersten Überlebenskampf auf der Insel Yamatai ist Lara Croft keine verängstigte Anfängerin mehr, sondern eine Getriebene mit eigenem Ziel. Auf den Spuren ihres verstorbenen Vaters bricht unsere Heldin nach Sibirien auf, wo unter ewigem Eis ein Geheimnis schlummert, für das eine fanatische Geheimgesellschaft skrupellos über Leichen geht. Mit Rise of the Tomb Raider: 20 Year Celebration kehrt ihr bislang stärkstes Abenteuer auf die Nintendo Switch 2 zurück, prall gefüllt mit allem, was die Reise über die Jahre angesammelt hat.
Ursprünglich erschien Laras zweiter moderner Ausflug Ende 2015 und galt schon damals als technisches Schmuckstück der Survivor-Trilogie, die 2013 mit einem kompletten Neuanfang begonnen hatte. Wo der Reboot unsere Heldin noch auf eine einzige Insel zwang, öffnete der Nachfolger weitläufige, hub-artige Areale voller Nebenpfade und versteckter Gräber. Aspyr hat den Titel nun überraschend und fast ohne Vorankündigung auf die Switch 2 geschoben, nachdem das Studio im Vorjahr bereits Laras Reboot-Debüt auf Nintendos Konsolen gebracht hatte. Als 20-Year-Celebration trägt diese rein digitale Fassung sämtliche Erweiterungen und Extras im Gepäck, die das Abenteuer je bekommen hat. Wir haben die vereiste Expedition auf der neuen Konsole noch einmal von ganz vorn begonnen.

Glaubenskrieg im ewigen Eis
Angetrieben vom Vermächtnis ihres verstorbenen Vaters jagt Lara der Göttlichen Quelle hinterher, einem Artefakt, dem die Macht der Unsterblichkeit nachgesagt wird. Richard Crofts alte Forschungen führen sie tief in die sibirische Wildnis, zur sagenumwobenen Stadt Kitesch, wo das Relikt seit Jahrhunderten verborgen liegen soll. Schon der Prolog schickt uns ins syrische Bergland zur Grabstätte des Propheten, ehe die Spur endgültig nach Sibirien führt. Doch unsere Heldin ist nicht die Einzige auf der Suche, denn die paramilitärische Geheimgesellschaft Trinity will dasselbe Geheimnis bergen und schreckt vor keinem Mittel zurück. Was als persönliche Spurensuche im Andenken an den Vater beginnt, wächst sich rasch zu einem erbitterten Wettlauf um Glaube, Macht und ewiges Leben aus.

Im verschneiten Tal der Quelle trifft Lara auf die Remnant, die Nachfahren einer uralten Gemeinschaft, die das Geheimnis seit Generationen hütet. An Laras Seite steht dabei ihr treuer Freund Jonah, der ihr in den dunkelsten Momenten den Rücken stärkt. Mit Jacob, dem besonnenen Anführer der Verbliebenen, gewinnt sie einen Verbündeten gegen Trinity, der das eisige Tal und seine Gefahren kennt wie kein Zweiter. Was die Göttliche Quelle wirklich ist und welchen Preis ihre Bergung fordert, treibt uns dabei ebenso an wie die bloße Flucht vor Konstantins Truppen. So wächst aus der reinen Schatzsuche eine Reise mit handfesten Einsätzen, in der Lara mehr aufs Spiel setzt als nur ihren Ruf.

Auf der Gegenseite steht Konstantin, Trinitys skrupelloser Oberbefehlshaber und ein Fanatiker, der sich von Gott persönlich auserwählt wähnt. Schon früh brennt sich seine Grausamkeit ein, wenn er mit ruhiger, fast salbungsvoller Stimme spricht und im nächsten Atemzug einen eigenen Mann für dessen Versagen grausam bestraft. Genau diese Mischung aus Inbrunst und Grausamkeit gibt ihm eine herrlich fiese Präsenz, die jede Begegnung auflädt und den vielen ruhigen Erkundungsstunden ein bedrohliches Gegengewicht verleiht. Manch andere Figur bleibt daneben blass, doch das fällt angesichts seines Schauwerts kaum ins Gewicht. Genau solche Auftritte sind es, die uns zwischen all dem Klettern und Tüfteln immer wieder bei der Stange halten.

Pickel, Pfeil und Patrouillen
Erkundung bildet das Herzstück unseres Abenteuers, das uns nicht in eine offene Welt, sondern durch mehrere weitläufige Knotenpunkte schickt. Immer wieder kehren wir in diese Drehkreuze zurück, allen voran ins weite Geothermale Tal, und entlocken ihnen mit frisch erlernten Kniffen bislang verschlossene Winkel, fast schon nach Art eines Metroidvania. Über brüchige Felswände klettern wir mit Eispickel und Kletterpfeilen empor, seilen uns in finstere Schächte ab und stöbern in jeder Ruine nach Relikten, Wandmalereien und verborgenen Pfaden. Zwischendurch bricht die Welt in groß inszenierten Augenblicken regelrecht zusammen, wenn Eisbrücken bersten und ganze Türme einstürzen. Wer alte Inschriften entziffert, steigert nebenbei Laras Sprachkenntnis und legt damit weitere Geheimnisse frei.

Abseits der Hauptroute warten die optionalen Grabkammern, für viele das Glanzstück der ganzen Reihe. In abgeschlossenen Rätselräumen lenken wir Lichtstrahlen um, verschieben Gewichte oder regulieren ganze Wasserstände, bis sich der Weg zum verborgenen Lohn öffnet, und der ist zumeist eine handfeste neue Fähigkeit statt eines bloßen Hakens in einer Sammelliste. Jede Kammer bleibt für sich denkwürdig und trifft die feine Linie zwischen Tüftelei und Überforderung. Wer genau hinsieht, liest die Lösung oft schon aus den Reliefs und der Architektur des Raums heraus. Erfahrung und Rohstoffe tragen wir derweil zum nächsten Lagerfeuer, wo Lara ihre Ausrüstung verbessert und ihre Fertigkeiten in drei Zweigen schärft, ehe es weiter ins Ungewisse geht.

Im Kampf lässt uns Rise of the Tomb Raider die Wahl, hält ihn aber bewusst knapp und gezielt, um die ruhige Erkundung aufzulockern. Lautlos pirschen wir durchs Unterholz und nehmen Trinity-Soldaten mit dem Bogen aus dem Schatten ins Visier. Oder wir tragen den Schusswechsel offen aus, sobald die Tarnung auffliegt. Selbst gebaute Munition, Brandpfeile und Wurfgeschosse entstehen noch mitten im Gefecht aus dem, was wir zuvor in der Wildnis zusammengeklaubt haben. Wirft uns die Lage in die Enge, helfen improvisierte Brandflaschen oder ein beherzter Pickelhieb aus der Deckung. Jagdbare Tiere, Pilze und Erze halten den Nachschub in Gang und machen aus unserer Heldin Schritt für Schritt die Überlebenskünstlerin, die der Reihentitel verspricht.
Die Hexe und der ganze Rest
Aus dem prall gefüllten Erweiterungspaket ragt Baba Yaga: Der Tempel der Hexe heraus; eine mehrstündige Nebengeschichte rund um einen verfluchten Wald, den niemand zu betreten wagt. Im sogenannten Gottlosen Tal suchen wir nach einem Verschollenen und stoßen auf die Spur einer ganzen Sowjet-Expedition, die hier einst spurlos verschwand. Halluzinogener Nebel zerrt an Laras Sinnen, Visionen verschwimmen mit der Wirklichkeit, und schon bald fragen wir uns, ob hinter dem alten Hexen-Aberglauben womöglich mehr steckt. Schön, wie diese Episode die finstere Grundstimmung des Hauptspiels noch eine Spur unheimlicher dreht und sich nahtlos in Laras Reise einfügt, statt sich wie loses Beiwerk anzufühlen.

Rund um die Hexenjagd türmt sich erstaunlich viel Material. In Kalte Finsternis erwacht trotzen wir einer verseuchten Sowjetanlage voller Infizierter, Blutbande führt uns in einer ruhigen Erzählung durch das Anwesen der Crofts, und Laras Albtraum schickt uns im selben Gemäuer gegen Horden grauenhafter Untoter. Wer die Erzählungen hinter sich hat, stürzt sich allein oder im Koop in den knochenharten Ausdauermodus, der uns mit Hunger, Kälte und schwindenden Vorräten ringen lässt. Dazu gesellen sich der gnadenlose Schwierigkeitsgrad Extrem-Überlebender, dutzende Expeditionskarten als spielerische Würze und ein Schwung klassischer Lara-Skins bis zurück zu den kantigen Polygon-Tagen. So wächst aus dem Hauptspiel ein Paket, das Bestenlisten-Jäger wie Komplettisten noch lange im sibirischen Eis hält.
Scharf gezielt, solide portiert
Auf der Switch 2 darf Lara mit allerlei neuem Werkzeug auf Tour gehen. Per Bewegungssensor zielen wir nach dem groben Stick-Schwenk feinfühlig mit Pfeil und Bogen nach, rufen Karte und Menüs bequem über den Touchscreen auf und führen den rechten Joy-Con 2 auf Wunsch sogar wie eine Maus, was dem präzisen Schießen spürbar entgegenkommt. HD Rumble 2 lässt jeden gespannten Bogen, jeden Pfeiltreffer und jeden Steinschlag fein in den Händen nachhallen, und gerade im Handheld-Modus zieht uns dieses Zusammenspiel tief in die eisige Welt hinein. Laras berühmte, physikalisch berechnete Haarpracht bleibt voll erhalten und gehört noch heute zu den hübschesten Details, sobald im Sturm jede einzelne Strähne im Wind tanzt.

Technisch gibt sich die Portierung bodenständig, aber sattelfest. In sauberen 1080p und mit kurzen Ladezeiten läuft das Abenteuer am Fernseher wie unterwegs, und die schummrig-verfallenen Höhlen mit ihren Spinnweben und dem Schein von Laras Knicklicht sehen prächtig aus. Dazu legt sich eine wuchtige Orchestermusik samt ausdrucksstarker deutscher Sprachausgabe über jede Szene. Mit dem Day-30-Patch auf Version 1.0.2 hält die Bildrate auch in den fordernden Ecken ihren Takt, vom Geothermalen Tal über die Bäder von Kitesch bis in die Karten der Hexenjagd, und Gyroskop, Vibration wie Maussteuerung sind nachgeschärft. Bei 30 Bildern pro Sekunde bleibt es dennoch: Aspyr hat monatelang an 60 getüftelt, doch eine entsperrte Bildrate ließ hektische Szenen stocken und hätte sichtbar Grafikqualität gekostet. Nachvollziehbar, auch wenn das Zielen damit nie die Schärfe flüssigerer Fassungen erreicht und HDR fehlt.
Geschrieben von Arne Ruddat
Fazit:
Ich mochte an der Survivor-Lara immer, dass sie mich mehr mit Klettern, Stöbern und Staunen lockt als mit reinen Schießbuden, und genau diese Stärke spielt Rise of the Tomb Raider auf der Switch 2 noch einmal voll aus. Sibirien hat mich mit seinen vereisten Tempeln und tüfteligen Grabkammern sofort wieder gepackt, und Konstantin ist für mich einer der Bösewichte, deren Auftritte ich sehen wollte. Dass diese Fassung restlos alles mitbringt, von der unheimlichen Hexenjagd bis zum gnadenlosen Ausdauermodus, macht sie zur klar besten Art, dieses Abenteuer zu erleben. Dass es bei der gedeckelten Bildrate bleibt, hätte ich mir anders gewünscht, doch nach Aspyrs monatelangem Ringen um mehr Tempo leuchtet mir die Entscheidung ein. Beim Klettern und Stöbern hat sie mich ohnehin kaum gestört, dafür läuft die Reise viel zu sauber. Und das Schönste daran: Ihr müsst keinen anderen Teil kennen, um hier alles zu verstehen und zu genießen. Wer ein dichtes, atmosphärisches Action-Abenteuer für unterwegs sucht und ein hartes Herz für fiese Fanatiker mitbringt, sollte ohne Zögern nach dem Pickel greifen.







