Golf Story -  – TEST

Seitdem Golf Story für die Switch angekündigt war, konnten Fans des Golfsports und von pixeligen Retro-Spielen den Release kaum mehr erwarten. Ende September 2017 erschien Golf Story exklusiv für die Switch; jedoch mit ein paar unschönen Ecken und Kanten.


Erinnerungen werden gerne nostalgisch glorifiziert, was unweigerlich dazu führt, dass sich die Geschehnisse durch die Rückbesinnung positiver als sie eigentlich waren im Gedächtnis einbrennen. So ergeht es auch dem Hauptcharakter von Golf Story. Als kleiner Junge stehen wir zu Beginn des Spiels mit unserem Vater auf dem Golfplatz und werden in die Grundzüge des Golfspiels eingeweiht. Storybedingt sammeln wir gleich ein paar Erfolge, die schließlich dazu führen, dass wir zwanzig Jahre später, ohne jemals wieder einen Golfschläger in der Hand gehabt zu haben, aus dem Bett fallen und beschließen, eine Golfkarriere anzustreben – schließlich haben wir als Kind laut unserem Vater reichlich Talent gehabt.

Schnell sind alle Sachen gepackt und schon geht es los zum Wellworn-Grove-Golfplatz. Dort angekommen nimmt das Spiel auch gleich mal, zumindest aus heutiger Sicht, Klischees auf die Schippe, dass der Sport einer elitären Gesellschaftsschicht vorbehalten ist. Mit unserem Vorhaben werden wir selbst vom Coach belächelt und müssen uns erst einmal einen Namen machen. Also treten wir der Reihe nach gegen seine Schützlinge an, erreichen mit einem Spiel auf neun Löchern eine halbwegs akzeptable Punktzahl und werden schließlich in Vorbereitung auf ein Turnier auf verschiedene Golfplätze geschickt, die wir ausspionieren sollen. Die Geschichte des Spiels ist amüsant erzählt und glänzt vor allem in den zahlreichen Dialogen mit Humor.

Realitätsnahes Golfen und realitätsferne Freiheiten

Zwischen den Story-Momenten dürfen wir uns frei durch die Spielwelt bewegen, uns im Shop mit neuen Schlägern ausrüsten und in Nebenaufgaben Erfahrungspunkte sammeln, mit denen wir Attribute wie Stärke oder Genauigkeit verbessern. Simulationsartige Züge dürfen vom Spiel aber nur bedingt erwartet werden. Beispielsweise müssen wir beim Abschlag stets die Windgeschwindigkeit im Auge behalten und auch die Höhenunterschiede auf dem Grün sind von Bedeutung, wenn wir den Ball einlochen wollen. Dazu stehen uns wie im echten Leben verschiedene Schlägertypen zur Auswahl. Während wir mit dem Driver den Golfball über große Distanzen schlagen, verkürzen wir mit dem Iron den Abstand und nutzen ihn für mittellange Schläge.

Landet unser Ball im hohen Gras oder im Sandbunker, nutzen wir einfach den Wedge, um den Ball wieder auf den Fairway zu bringen. Befinden wir uns schließlich nahe am Loch, nutzen wir den Putter, um den Ball am Boden einzulochen. Sämtliche Schläger erfüllen ihre Funktion, sodass das Spielen auf den verschiedenen Plätzen stets abwechslungsreich ausfällt. Hinzu kommt, dass wir auch die Stärke und die Schlagweite beim Abschlag mit einberechnen müssen. Wäre das noch nicht genug, stehlen uns Vögel, Maulwürfe und gefräßige Fische gerne mal den Ball, wenn wir sie in ihre Nähe katapultieren. Schildkrötenpanzer im Wasser nutzen wir hingegen geschickt als Abprallplattform. Clever und ideenreich!

Humorvoller Golfausflug

Hervorheben möchten wir an dieser Stelle auch noch einmal den Humor des Spiels beziehungsweise dessen Umsetzung. Der Titel verzichtet zwar auf eine Sprachausgabe, doch das heißt noch lange nicht, dass den Figuren durch die Sprechblasen kein Leben eingehaucht wird. Spricht ein Charakter leiser oder murmelt einfach nur vor sich hin, wird die Schriftgröße reduziert. Wird eine Spielfigur in einem Dialog von einem anderen Charakter abgewürgt, wird die Sprechblase kurzerhand geschlossen, ohne dass wir einlenken können. In den Gesprächen selbst wird dann der Golfsport oder das aktuelle Geschehen auf die Schippe genommen.

Unter anderem sollen wir das Maulwurfsproblem am vierten Loch auf dem Golfplatz zu erst lösen, obwohl es am fünften Loch einfacher zu bewerkstelligen wäre – schließlich wollen die Mitglieder des Clubs alle Löcher in der richtigen Reihenfolge spielen und die Maulwürfe würden ohnehin nicht kampflos aufgeben. In anderen Szenen werden Leuten einfach Golfbälle an den Kopf geschossen, damit sie zur Zufriedenheit funktionieren. Dadurch, dass sämtliche Charaktere eine unterschiedliche Persönlichkeit haben, wird es niemals langweilig. Der schöne 16-Bit-Retro-Look tut sein Übriges, um den Titel charmant zu präsentieren. Allerdings sollte man mindestens gutes Schulenglisch mitbringen, um sowohl die aberwitzigen Gags, als auch die Gameplay-Inhalte vollends zu verstehen. Eine deutsche Übersetzung gibt es leider nicht.

Fragliche Qualitätssicherung

Wollen wir vom Story-Alltag einmal abschalten, können wir uns auch an einem schnellen Spiel versuchen, das wir sogar offline zusammen mit einem Freund spielen dürfen. Es ist jedoch unverständlich, warum hierfür zwangsweise ein zweiter Controller vorausgesetzt wird, obwohl das Geschehen abwechselnd stattfindet. Hier verspielt der Titel Potenzial, ein unterhaltsamer und ruhiger Titel für mittellange Bus- und Bahnfahrten zu zweit zu sein. Das ist jedoch nicht das einzige Problem, mit dem Golf Story zu kämpfen hat. So fragen wir uns allen Ernstes, warum wir uns während eines laufenden Matches nicht den ganzen Golfkurs anschauen dürfen. Auch wenn er zu Beginn der Partie vorgestellt wird, ist dieser Einblick viel zu kurz, um als vernünftige Übersicht zu gelten.

Ebenso haben wir im Test mit ein paar Bugs kämpfen müssen. So wird die bei einem Golfspiel von uns dezent verschobene Kamera-Einstellung regelmäßig übernommen, sodass unser Charakter bis zum nächsten Ortswechsel oder Golfeinsatz beispielsweise am unteren Bildschirmrand hängen bleibt. Weniger lustig ist hingegen, dass das Speichern beim Beenden des Spiels nicht immer gänzlich funktioniert. Ebenso wurde beim Scheitern einer Nebenaufgabe das Spiel beendet, anstatt dass wir sie – wie bei anderen Aufgaben – noch einmal versuchen dürfen. An vielen Stellen hat die Qualitätssicherung nicht aufgepasst. Dadurch wird Golf Story aber nicht unspielbar: Der Titel macht nach wie vor Spaß, doch wer nicht von Lappalien gestört werden will, sollte auf einen Patch warten.

Geschrieben von Eric Ebelt

Fazit:

Im Vorfeld habe ich mich sehr auf Golf Story gefreut, schließlich habe ich schon frühere Golfspiele gerne gespielt. Die Entwickler nutzen zur richtigen Zeit eine Marktlücke aus, denn nachdem sich Electronic Arts vom Golfsport zurückgezogen hat, gibt es kaum noch Alternativen. Zwar handelt es sich bei Golf Story um ein Rollenspiel, doch gibt es immer noch genügend Merkmale, um den Titel als funktionierendes Golfspiel anzusehen. Verschiedene Schlägertypen, unterschiedliche Golfplätze mit abwechslungsreichen Merkmalen und auch die Beachtung von Wind und Gefälle machen den Titel zu einem wahren Genuss. Hinzu kommt eine humorvolle Handlung, die mit tollen Charakteren und fantastischen Gags kein Auge trocken lässt. Schade finde ich, dass die Qualitätssicherung bei einigen Punkten geschlampt hat. So kann ich nicht jederzeit die Karte des Golfkurses aufrufen und ärgerliche Bugs schmälern das Erlebnis. Dennoch kann man seinen Spaß mit dem Titel haben, wenn man sich mit den Defiziten anfreunden kann. Andernfalls würde ich empfehlen, auf einen Patch zu warten, den das Spiel in wenigen Belangen dringend benötigt.