Everspace 2: Galactic Edition – TEST
Ein Klonpilot auf der Flucht, ein Cluster voller Gesetzloser und ein Frachtraum, der niemals voll genug ist: Everspace 2: Galactic Edition bringt Rockfishs Weltraum-Looter-Shooter samt aller Erweiterungen auf die Nintendo Switch 2. Warum uns das Weltall so schnell nicht wieder loslässt, lest ihr in unserem Test.
Rockfish Games aus Hamburg machte sich 2017 mit dem Roguelike-Shooter Everspace einen Namen, doch für die Fortsetzung warf das Studio die Zufallsläufe über Bord. Everspace 2 erschien 2023 zunächst für den PC als offener Looter-Shooter, inspiriert vom Klassiker Freelancer und von der Beutespirale eines Diablo. Auf der Nintendo Switch 2 landete im August ohne jede Vorankündigung die Galactic Edition: das Hauptspiel samt der Erweiterungen Titans und Wrath of the Ancients sowie des kosmetischen Supporter Packs. Über 120 handgebaute Schauplätze in zehn Sternensystemen warten auf uns, dazu rund 50 Stunden Story und ein Vielfaches davon für „Vollenderinnen und Vollender“ (so tatsächlich der Name der Name der Vollständigkeits-Trophäe). Portiert hat das niederländische Studio Engine Software.

Klon unter falschem Namen
Zunächst verdingt sich unser Protagonist Adam Roslin als Eskortpilot für den Bergbaukonzern Grady & Brunt, tief in der entmilitarisierten Zone von Cluster 34. Adam ist ein illegaler Klon, und genau das macht ihn zur Zielscheibe: Als Outlaws des Bloodstar-Clans seinen Konvoi überfallen und seine Identität auffliegt, sitzen wir plötzlich zwischen allen Fronten aus Piraten und Kolonialmilitär. Gemeinsam mit dem Mithäftling Dax Bashar gelingt uns die Flucht zu einem verlassenen Außenposten auf Rhodia II, der fortan als Heimatbasis dient. Mehr verraten wir bewusst nicht, denn die spannend erzählte Geschichte lebt von ihren Überraschungen: Im linearen Fortschritt des Spielverlaufs taucht sie immer wieder auf und hält uns mit Wendungen und Gesprächen bei der Stange.

Seine Geschichte inszeniert Everspace 2 in Zwischensequenzen als stimmungsvolle Comic-Panels, während sämtliche Dialoge und Funksprüche vollständig vertont sind – wahlweise auf Deutsch oder Englisch. Zusammen mit der getragenen Musik erinnern uns diese Momente an das Brettspiel ISS Vanguard, das seine Weltraum-Expeditionen ganz ähnlich zwischen Aufbruchsstimmung und Melancholie inszeniert. Auch unterwegs bleibt das Universum gesprächig: Gefährtinnen und Gefährten wie die Ärztin Delia Wendo oder Chefmechaniker Ben funken uns an, kommentieren Funde und wachsen uns dabei ans Herz. Wer den Vorgänger nie gespielt hat, wird über Codex-Einträge und Gespräche behutsam abgeholt, ohne dass die Erzählung ins Stocken gerät.
Looten und Leveln im Vakuum
Spielerisch ist Everspace 2 eine waschechte Weltraumsimulation: Wir fliegen unser Raumschiff frei durch alle Achsen, schießen Outlaws ab, sammeln Materialien und Handelswaren ein oder interagieren mit allerlei Objekten. Diese Freiheit fordert ihren Preis, denn ohne Oben und Unten gerät unsere Orientierung anfangs schon mal ins Trudeln. Falls ihr etwa die Smartphone-Portierung Stellar Wanderer DX gespielt habt, wisst ihr, wie der Hase läuft. Mit einem Arcade-Titel wie Star Fox hat das Ganze trotz fünf wählbarer Schwierigkeitsgrade wenig gemein, und beim Ressourcenmanagement denken wir eher an das Toys-to-Life-Experiment Starlink: Battle for Atlas. Everspace 2 nimmt seine Simulation ernst, bleibt dabei aber stets zugänglich genug für Genre-Neulinge.

Wir entdecken ständig verlassene Gebiete voller Piraten und Umgebungsrätsel, deren Beseitigung respektive Erkundung uns mit Ressourcen, Blaupausen und Ausrüstung versorgt. Mit stetig besserem Gerät finden wir stetig bessere Beute: eine Spirale, die uns nach Diablo-Vorbild nur schwer wieder loslässt. Neben offenen Weltraumabschnitten wagen wir uns auch in enge Innenlevels, die uns an den 1995er-Klassiker Descent erinnern – zwischen Rohren, Schächten und Wracks wird aus dem freien Flug ein beinahe klaustrophobisches Manövrieren. Neun Schiffs-Subklassen, sieben rekrutierbare Begleiterinnen und Begleiter mit ausbaubaren Perks sowie hunderte Waffen- und Ausrüstungstypen geben unserem Spielstil erstaunlich viel Raum.

Weltraum in Scheiben
Statt eines nahtlos erkundbaren Alls serviert uns Everspace 2 seinen Weltraum in Scheiben: Ladesequenzen trennen die weiten Gebiete, die wir im Hyperraumflug durchpflügen, von den nahen Schauplätzen, in denen wir in drei weiteren separaten Reise-, Manöver- und Flug-Geschwindigkeiten unterwegs sind. Jede dieser Ebenen hat dabei ihren eigenen Reiz, vom meditativen Dahingleiten im Überlichtflug bis zum wendigen Kurven zwischen Asteroidenbrocken. Im Spielverlauf summiert sich das, denn schon ein simpler Auftrag verlangt gern mehrere Ladebildschirme: hinaus aus dem Gebiet, hinüber zum Ziel, hinein in den nächsten Schauplatz. Auf der Switch 2 begegnen uns diese Pausen häufig, und sie bremsen den Reisefluss stärker, als uns lieb ist. Gewöhnen können wir uns daran, mögen müssen wir es nicht – dem Sog des Geschehens schadet es zum Glück nur wenig.

Denn es entfaltet sich zwischen den Ladepausen ein bemerkenswert dichtes Universum: Nebenmissionen, überraschende Fundorte, Rennen, Notrufe und auch prozedural generierte Signale locken uns permanent vom Kurs ab, während freischaltbare Schnellreisepunkte später die Wege verkürzen. Elf Fraktionen bevölkern die Systeme, von Bergbaukonzernen bis zu Kultisten, und wer nach dem Abspann weiterspielen möchte, stürzt sich in die Ancient Rifts: immer schwierigere Gegnerwellen, an deren Ende legendäre Ausrüstung winkt. Die enthaltenen Erweiterungen legen noch eine Schippe drauf, sei es mit gigantischen Dreadnought-Schlachten, dem Inneren eines raumfahrenden Leviathans oder vier zusätzlichen Sternensystemen im Okkar-Raum. Das sorgt für weitere dutzende Stunden Spielspaß, denn Langeweile kennt Cluster 34 nicht.
Feinschliff für Finger und Ohren
Auf dem Bildschirm der Switch 2 mach Everspace 2 eine superbe Figur: Schiffe glänzen im Licht ferner Sonnen, Nebelschwaden ziehen durch Asteroidenfelder, Stationen funkeln vor tiefschwarzem All. Technisch bleibt die Umsetzung bei 30 Bildern pro Sekunde, was dem Spielgefühl kaum schadet – eine merkliche Eingabeverzögerung stört da schon eher, gerade in hektischen Gefechten. Es gibt jedoch genug Spiel- und Zielhilfen, die das ausgleichen können. Ob angedockt am Fernseher oder unterwegs im Handheld-Modus: Das Bild bleibt angenehm scharf und die Effekte bleiben üppig. Verschmerzbar, aber schade: Die Cockpit-Perspektive des PC-Originals fehlt auf der Switch 2 komplett, wir bleiben in der Verfolgeransicht. Dafür bekommen wir eine erstaunlich vollständige Fassung eines wirklich großen Spiels für die Hosentasche.

Anfangs wirkt die Steuerung komplex, schließlich wollen sechs Freiheitsgrade, Boost, Waffen, Module und Verbrauchsgegenstände gleichzeitig bedient werden. Rockfish begegnet dem mit mehreren Steuerungs-Presets und sogar völlig freier Tastenbelegung, die sich filigran einstellen lässt – inklusive Deadzones und Empfindlichkeiten für beide Sticks. Falls euch das zu viel Bastelei ist, greift ihr einfach zu einem der Presets und fliegt sofort los. Nach einigen Stunden sitzt jeder Handgriff, und spätestens dann entfaltet der Sound seine Wirkung: meist angenehm ruhig und weltraumig, mal sphärisch schwebend, mal dezent pulsierend im Gefecht. Nicht ohne Grund gewann die Erweiterung Wrath of the Ancients beim Deutschen Computerspielpreis die Auszeichnung für das beste Audio.
Geschrieben von Arne Ruddat
Fazit:
Weltraumspiele üben auf mich seit jeher eine ruhige Faszination aus, doch was mich in Everspace 2: Galactic Edition wirklich mitnimmt, ist die Geschichte um Adam Roslin. Rockfish ist ein großartiges Spiel gelungen: Es ist Beutejagd, Roadmovie und Planetarium in einem. Die Comicsequenzen, die vollständige deutsche Vertonung und der ruhige Soundtrack schaffen eine Atmosphäre, in der ich mich stundenlang treiben lasse, während die Beutespirale im Hintergrund unaufhörlich weiterdreht. Über die häufigen Ladebildschirme und die Eingabeverzögerung sehe ich dabei wohlwollend hinweg, auch wenn beides einer ansonsten tadellosen Umsetzung im Weg steht. Wer Weltraumspiele liebt und eine packende Geschichte einer nahtlosen Galaxie vorzieht, findet hier einen grandiosen Vertreter des Genres auf einer Nintendo-Konsole. Ich jedenfalls habe im Cluster 34 noch einiges vor – gleich nach dem nächsten Ladebildschirm.







