1979 Revolution: Black Friday -  – TEST

Es gibt mehrere Arten, von einem Spiel gefesselt zu sein, etwa durch eine Hack-‘n’-Slay-Loot-Spirale oder ein stressiges Puzzlespiel, aber die interessanteste Art ist eine spannende Geschichte. 1979 Revolution: Black Friday hat genau die zu bieten.


Nach einer vierjährigen Entwicklungszeit erschien 1979 Revolution: Black Friday im Jahr 2016 für Windows, macOS, iOS und Android, dieses Jahr folgten die aktuellen Heimkonsolen. Initiator und Director David Khonsari hatte als Kind selbst die Revolution und den schwarzen Freitag am 8. September 1978, auf den das Spiel hinausläuft, miterlebt und wollte die zwei Seiten des Konflikts in diesem Spiel präsentieren.

Revolution im Iran
Was in 1979 Revolution: Black Friday erzählt wird, basiert auf der Revolution im Iran im Jahr 1978, und das macht auch den Reiz eines Spiels wie diesem aus. Wir spielen den fiktiven Fotojournalisten Reza Shirazi, der die Ereignisse live erlebt und fotografiert. In Geschichtsbüchern lässt sich die grobe Geschichte zwar nachlesen, sie aber aus der Sicht eines Beteiligten mitzuerleben, ist erheblich persönlicher. Es wird anhand mehrerer Elemente dargestellt, dass hier beide Seiten nicht unschuldig sind und so bleibt als Fazit nach den wenigen Stunden, die ein Durchspielen des Titels dauert, dass blutige Auseinandersetzungen immer tragische Ereignisse sind. In der Rahmengeschichte wird Reza im Jahr 1980 ins Evin-Gefängnis geworfen. Dort verhört uns Sayyed Assadollah Ladjevardi, den es wirklich gab, auf brutale Weise und wir erleben die weitere Geschichte in Rückblicken.


Reden, Beobachten, Fotos machen
Unser Einfluss auf die Geschichte in 1979 Revolution: Black Friday findet dahingehend statt, dass wir Rezas Entscheidungen treffen und somit seine Erlebnisse mitgestalten dürfen. Irritierend sind die plötzlich auftretenden Quick-Time-Events, denen nicht mal beim ersten Auftauchen eine Einleitung spendiert wurde. Ebenfalls nach diesem Prinzip finden Gespräche statt, die uns in die Geschichte einbinden. Zwischen gewalttätigen und friedfertigen Antworten, zwischen Skepsis und Naivität, könnenwir uns unter Zeitdruck in den Gesprächen entscheiden, was jeweils von der Mitteilung „XYZ wird sich das merken“ in der oberen Bildschirmecke quittiert wird. Dadurch bekommen wir wie schon in Telltales Spielen das Gefühl, mit der gerade getroffenen Entscheidung etwas nachhaltig bewirkt zu haben, auch wenn das letztlich nicht der Fall ist, da die Story immer weitergeht.

Entscheidungen zu treffen, ist zu Anfang nicht einfach, denn uns ist die Steuerung im Weg: Sie funktioniert anders als bei Spielen wie Mass Effect, wo wir per Analog-Stick-Richtung die Entscheidungen absolut wählen. Hier schalten wir relativ von einer Entscheidung zur nächsten, wodurch der Weg von links oben nach rechts unten zwei Schritte (runter & rechts) braucht, statt wie die Oberfläche suggeriert, nur einen. Das irritiert zu Anfang und so entscheiden wir zum Teil anders, als wir gewollt hätten. Ob des schwierigen Themas der Schuld ist das ein interessanter Zufall, denn auch die von uns als richtig eingeschätzten Entscheidungen können sich später als falsch herausstellen. Letztlich wird bei keiner Auswahl unsererseits eine zumeist neutrale getroffen, es gibt aber auch einige zeitlich unbefristete Dilemma-Fragen, bei denen uns die Entscheidung nicht abgenommen wird.

Als weiteres Element des Gameplays gibt es die Kamera, mit der wir uns sowohl umsehen als auch ins Geschehen hineinzoomen und durch einen sich grün färbenden Schärfesensor erkennen können, ob sich ein Motiv lohnt, und ein Foto knipsen. Die gemachten Aufnahmen entsprechen meist echten damals gemachten Fotografien, die uns direkt nach dem Auslösen angezeigt werden, inklusive Informationen, was damals im Iran passiert ist. Das ist, weil es eine Geschichte des Aufstands ist, zum Teil erschreckend, aber immer spannend. Wer noch mehr zu den Elementen wissen möchte, kann darüber etwas in einer Historie erfahren, die wir durch die Fotos und Rezas Erlebnissen in der Revolution freischalten.


Zuletzt gibt es noch Detektiv-Szenen, in denen wir uns langsam, aber hinreichend frei bewegen können. Durch Overlay-Symbole angezeigte Interaktionen sind hier zu erledigen, zum Beispiel etwas anhören, ansehen, suchen, einsammeln oder anderweitig bewerkstelligen. Hierbei gibt es in größeren Gebieten Perspektivwechsel, die zugleich die Steuerung ändern, so dass wir grundsätzlich nach jedem Blickwinkelwechsel in die falsche Richtung laufen. Das hätte der Entwickler besser lösen oder zumindest in den zwei Jahren seit der Erstveröffentlichung patchen können.

Bitte keine Fotos
Schade ist zusätzlich, dass uns das Spiel die Switch-Fähigkeit der Bildschirmfotografie verwehrt, gerade weil Fotografie ein Thema dieses Spiels ist. Das machte die Bebilderung dieses Reviews natürlich nicht leichter, ist aber vor allem für unsere Switch-eigene Sammlung von Erinnerungen bedauerlich, denn in 1979 Revolution: Black Friday erleben wir viele denkwürdige Szenen. Obwohl es mehrere Antwortmöglichkeiten gibt, die geringe Auswirkungen auf die Geschichte haben, und obwohl historische Fakten freizuschalten sind, ist es wenig reizvoll, den Titel mehrfach zu erleben, da das erste Mal schon so einprägsam ist, dass wir am liebsten bei unserer Version der Geschichte bleiben.

Kanten & Klavier
Die Grafik des Spiels ist zweckmäßig und erinnert an frühere Zeiten der 3D-Spiel-Welten. Die Figuren sehen kantig aus und die Animationen sind lehrlingshaft gestaltet. Während die Gesichter der Figurenoptisch gelungen, emotional vielschichtig, und detailliert sind, wird die Umgebung von matschigen Texturen und harten Polygonkanten geprägt – hier gab es schon auf der Wii bessere Grafik. Obwohl die Optik teils gravierende Macken hat, stimmt die Gesamt-Atmosphäre des Spiels, was uns über manches üble Clipping und unsichtbare Wände hinwegsehen lässt.

Zu Beginn empfiehlt 1979 Revolution: Black Friday für eine bessere Immersion die Nutzung von Kopfhörern, was auf die gelungene Geräuschkulisse hinweist. Musikalische Akzente setzt der wenig aufdringlicher Klavier-Score, der die Atmosphäre aber zu guten Teilen mit trägt. Sämtliche Geräusche und die englisch vertonten Stimmen sind plausibel und nachvollziehbar. Bei manchen Aufnahmen können wir die Sprache zwischen Englisch und Farsi wählen, was für zusätzliche Authentizität sorgt.

Geschrieben von Arne Ruddat

Fazit:

1979 Revolution: Black Friday ist ein gelungenes Beispiel, wie sich Geschichte heutzutage mitreißend an eine breite Masse wenden kann, denen Bücherlesen zu langweilig ist. Atmosphäre ist in diesem Titel das tragende Element, das die dramatischen Begebenheiten aus dem Iran im Jahr 1978 uns Spielern schmackhaft macht. Die Spiel-Elemente sind recht simpel gehalten und ein Spieldurchgang ist nach drei Stunden vorbei, aber in denen werde ich nicht nur gut unterhalten, sondern zugleich auch gebildet in einem Gebiet, das mir bislang nicht sehr geläufig war. Schade ist, dass der Titel mich trotz der Geschichts-Fakten-Collectibles wenig reizt, es ein weiteres Mal durchzuspielen, da sich die Entscheidungen zu wenig auswirken. Ich würde das Spiel dennoch allen Leuten empfehlen, die sich für die Geschichte und für Dilemmata interessieren.