Néro & Sci ∫ Integral Edition – TEST

Wann hat Mathematik zuletzt nach Abenteuer geklungen statt nach Klassenarbeit? Néro & Sci ∫ Integral Edition stellt genau diese Frage und beantwortet sie mit einem Plattformer, in dem Gleichungen Türen öffnen und geometrische Formen den Weg weisen. Wir hüpfen, grübeln und rechnen uns durch eine bunte Zahlenwelt und ertappen uns dabei, wie viel Spaß das macht.


Mit Néro & Sci ∫ Integral Edition wagt das französische Indie-Studio Souris-Lab etwas, vor dem die meisten Schulbücher kapitulieren: Mathematik so zu verpacken, dass wir freiwillig weitermachen. Ganz neu ist die Idee nicht, denn im Kern steckt die rundum überarbeitete Fassung von A Tale of Synapse: The Chaos Theories aus dem Jahr 2021, aufgebohrt um einen besseren Koop-Modus und noch mehr Zahlenarbeit. Statt bloß zu hüpfen und auf Gegner einzudreschen, stellen wir primär Gleichungen auf, zählen Ecken an Vielecken und denken in Zahlenräumen. Fans von Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging oder Big Brain Academy ahnen sofort die Stoßrichtung, zumal Souris-Lab die Mechaniken eigens vom Institut für Mathematikdidaktik IREM Lyon absegnen ließ. Herausgekommen ist ein Lernspiel, das seinen Lehrauftrag unter Spielspaß zu verstecken versucht.

Schauplatz ist Héméide, eine Welt, in der Ziffern leuchten und geometrische Symbole durch die Luft schweben. Wir begleiten den jungen Synapsianer Néro, ein neugieriges Kerlchen, das beim Aufräumen der Bibliothek ein Buch aus dem Regal stößt. Heraus entweichen die wissenschaftlichen Theoreme, die Héméide zusammenhalten, und prompt rutscht die Welt ins Chaos, ihre Bewohner werden reizbar und unlogisch. An Néros Seite tritt die schwebende Sci, die ein Auge für Dinge hat, die uns sonst verborgen bleiben. Viel mehr will die Geschichte gar nicht sein: ein freundlicher Vorwand, der die Rätsel zusammenhält, während die beiden trotz allem Charme seltsam blass bleiben.

Mathematik macht den Weg frei

Herzstück jeder Etappe sind die Rätsel, und die haben es faustdick hinter den Ohren. Vor einer verschlossenen Energietür prangt etwa die Zahl 36, darunter wartet ein Wirrwarr aus Ziffern und Rechenzeichen. Über Hebel blenden wir Elemente ein und aus, bis eine Gleichung passt, 6 × (2 + 4) zum Beispiel. Anderswo ziehen wir vier Hebel in der richtigen Reihenfolge, deren Werte sich aus der Eckenzahl geometrischer Formen ergeben. Blindes Probieren bedeutet, zwei Dutzend Kombinationen abzuklappern. Wer rechnet, steht schneller vor der offenen Tür. Mathematik ist hier kein Deko-Element, sie ist der Schlüssel im Schloss.

All das setzt voraus, dass wir einiges mitbringen. Fehlt uns ein Rechenweg, müssen wir ihn uns selbst aneignen, denn das Spiel erklärt herzlich wenig. Hinweise zeigen, was zu tun ist, selten aber, warum eine Lösung am Ende stimmt. Oft liegt die eigentliche Hürde nicht im Rechnen, sondern im Begreifen, was eine Aufgabe überhaupt von uns will. Echtes Dazulernen gelingt darum eher mit dem Schulheft als mit dem Spiel. Dazu schwankt der Anspruch enorm: Mal lösen wir ein Rätsel im Vorbeigehen, mal beißen wir uns an einer Aufgabe fest, welche die empfohlenen wenigstens dreizehn Jahre Alter ordentlich strapaziert. Allein gelassen werden wir trotzdem nie. Verstreute Äpfel spendieren auf Knopfdruck einen Tipp, Scis Blick in eine andere Dimension legt versteckte Zahlenwerte frei, und wer von euch ganz festhängt, findet im Discord von Souris-Lab einen kompletten Lösungsleitfaden.

Zwei Sticks, ein Kopf

Knifflig wird es, sobald wir beide Figuren allein steuern. Néro lenken wir mit dem linken Stick. Er springt, schlägt zu und flitzt durch die Level. Sci gehorcht dem rechten Stick, schwebt umher, schnappt sich Blöcke und wuchtet sie auf Sensorplatten, damit Barrieren nach oben gleiten. Beide Daumen wollen dabei Unterschiedliches, ungefähr so, als zeichne die eine Hand Kreise und die andere Quadrate. Einen geteilten Bildschirm gibt es nicht, die Kamera klebt an Néro, also parken wir ihn oft kurz, damit Sci nicht aus dem Bild rutscht. Ihre Bewegungen geraten dabei reichlich hakelig, was in den fummeligeren Rätseln durchaus Nerven kostet.

Entspannter läuft es zu zweit. Reicht ihr den zweiten Controller an Partnerin, Partner, Kind oder Sitznachbarn weiter, übernimmt diese Person kurzerhand Sci, und schon verteilt sich die Denkarbeit auf zwei Köpfe statt zwei Daumen. Als Eltern-Kind-Gespann entfaltet das Spiel hier seinen größten Charme: Der eine hüpft, die andere rechnet, gemeinsam knobeln beide. Unterwegs sammeln wir Lichtmünzen für einen Fähigkeitenbaum, der Sci zur Sprungplattform aufbläht oder Néro den Schlag aus der Luft beibringt. Den benötigt er auch, denn immer wieder mischen sich kleine Gegner ins Geschehen ein. Nötig wirken sie selten, eher zerren sie uns mitten aus dem Grübeln und brechen den ruhigen Rätselfluss, den das Spiel sonst so schön aufbaut.

Holpriges Drumherum

Schon im Menü und in den eingestreuten Videos ruckelt es auf der Nintendo Switch 2 merklich, obwohl das eigentliche Spiel danach flüssig läuft. Bei einem so schlichten Titel ist das ein seltsamer Patzer, der den ersten Eindruck unnötig trübt. Ärgerlicher noch ist die Tastenbelegung: Statt der gewohnten Nintendo-Logik bestätigen wir mit B und kehren mit A zurück, als käme die Belegung direkt vom Xbox-Controller. Nach Jahren, in denen A zusagt und B abbricht, greifen wir hier ständig zur falschen Taste. Dark Souls hat sich diese Eigenwilligkeit auf der Switch ebenfalls geleistet, charmanter wurde sie dadurch nicht, und bei einem Spiel für junges, oft erstmals zur Konsole greifendes Publikum wirkt der vertauschte Standard schlicht lieblos.

Im Weg steht uns außerdem die Übersicht. Gerade im Handheld-Modus drängen sich Zahlen und Symbole so eng, dass wir manche Aufgabe zweimal lesen müssen, ehe sie sich erschließt. Inhaltlich gibt es derweil ordentlich zu tun: 36 Level über vier Welten, dazu sechs versteckte, summieren sich auf gut zwanzig Stunden, und das Ganze liegt vollständig auf Deutsch vor. Ab sechs Jahren freigegeben, zielt das Abenteuer laut Studio auf Tüftlerinnen und Tüftler ab etwa dreizehn Jahren, in der Praxis dürften aber eher ältere oder besonders rechenfreudige Köpfe ihren Spaß haben.

Geschrieben von Arne Ruddat

Fazit:

Arne Ruddat

Lernspiele beäuge ich prinzipiell mit hochgezogener Augenbraue, zu oft zeigen sie den erhobenen Zeigefinger. Néro & Sci ∫ Integral Edition nimmt mir diese Skepsis nur zur Hälfte. Die Idee, Mathematik zum Spielplatz zu machen, reizt mich, und manch cleveres Rätsel entlockt mir ein zufriedenes Nicken. Beim eigentlichen Versprechen aber, mir die Zahlen und das Verständnis näherzubringen, bleibt das Spiel auf halber Strecke stehen. Es lässt mich zwar rechnen, aber ohne zu erklären. So wende ich vorwiegend an, was ich ohnehin kann, und lerne schlussendlich wenig dazu. Dazu zerhacken kleine Gegner mein Grübeln, und der Anspruch springt wild zwischen Kinderkram und Kopfnuss, was die empfohlenen dreizehn Jahre reichlich optimistisch aussehen lässt. Hinzu kommen handfeste Schludrigkeiten: ruckelnde Menüs und eine gegen jede Nintendo-Gewohnheit verdrehte Tastenbelegung, die mich ständig zur falschen Taste greifen lässt. Als entspanntes Knobelspiel für zwei, gern mit rechenfreudigem Nachwuchs, geht Néro & Sci in Ordnung. Für echtes Mathematik-Training greift ihr aber besser zum Schulheft, und der Taschenrechner darf ruhig in der Schublade bleiben.