Pokémon Pokopia – TEST

In einer verlassenen Inselwelt erwacht ein Ditto allein zwischen Trümmern und welken Feldern. Pokémon Pokopia entführt uns in eine ungewöhnlich stille Welt, in der nicht gekämpft, sondern wieder aufgebautwird – Schritt für Schritt, Habitat für Habitat. Was als gemütliche Lebenssimulation beginnt, entwickelt sich zur größten Überraschung des bisherigen Switch-2-Jahres.


Mit Pokémon Pokopia probieren Game Freak und Koei Tecmos Omega Force etwas, das die Hauptserie nie gewagt hat. Statt Trainerdrama und Pokébällen erwartet uns auf der Nintendo Switch 2 ein gemütliches Aufbauspiel. Es nimmt deutliche Anleihen bei Animal Crossing, Minecraft und Dragon Quest Builders 2, und Letzteres stammt nicht zufällig vom selben Studio wie die Crafting-Mechanik. Wir spielen ein Ditto, das in einer verlassenen Inselwelt erwacht. Es erinnert sich an den Menschen, mit dem es einst durch die Kanto-Region zog, und nimmt kurzerhand dessen Gestalt an. Schon dieser Einstieg ist ungewöhnlich für die Marke: leise, melancholisch und mit einer Frage im Gepäck, die uns Dutzende Stunden begleiten wird.

Nach den ersten Schritten treffen wir auf Professor Tangoloss, ein gelehrtes Ranken-Pokémon und die einzige Seele, die in dieser Einöde übrig blieb. Liebevoll übernimmt es die Rolle des Mentors, und gemeinsam rätseln wir, was die Menschen von dieser Insel vertrieben hat. Verfallene Pokémon-Center, ausgetrocknete Flussbetten, vereinzelte Tagebuchfetzen, vergilbte Zeitungsartikel: Aus Fundstücken setzt sich nach und nach eine erstaunlich düstere Geschichte zusammen, die mit dem fröhlichen Pokémon-Image herrlich kollidiert. Und während wir lesen und graben, wächst um uns herum bereits das erste Beet.

Verwandeln, sammeln, beleben

Spielmechanisch dreht sich alles um Dittos Talent zur Verwandlung. Von Bisasam lernen wir Blattwerk und ziehen damit frisches Gras aus verdorrtem Boden. Schiggys Aquaknarre tränkt trockene Felder, mit Zertrümmerer brechen wir Felsen auseinander. Später schwimmen wir als Lapras über offene See oder gleiten als Dragoran von Bergspitze zu Bergspitze. Jede neue Fähigkeit fühlt sich an wie ein kleines Geschenk. Nicht, weil das Spiel uns überschüttet, sondern weil jede Attacke unmittelbar neue Wege öffnet. Wir reißen ein, schichten auf, pflanzen und ernten. Irgendwann bemerken wir, dass aus einer Brache eine herrliche Wiese geworden ist.

Aus Holz, Steinen und Beeren entstehen Möbel, Werkbänke und ganze Häuser, wahlweise frei aus Einzelteilen oder über vorgefertigte Bausätze. Im Mittelpunkt stehen aber die Habitate. Wer ein Schiggy einladen will, braucht Wasser. Ein Glumanda zieht in warme, trockene Ecken. Und Mooslaxo, ein moosbewachsenes Relaxo mit einer Blume auf dem Kopf, will erst einmal in Ruhe weiterschnarchen. So lernen wir die rund dreihundert Pokémon nicht über Kämpfe kennen, sondern über ihre Vorlieben. Anfangs nimmt uns Pokémon Pokopia dabei fest an die Hand. Nach einigen Stunden verschwindet das Tutorial-Gerüst, und wir stehen plötzlich in einer Sandbox, die uns einfach machen lässt. Spätestens in Neulandia, einer eigenen Insel ganz ohne Vorgaben, gehört die Welt dann uns.

Vom Welken und Wiedererblühen

Spielend lernen wir, wie eng Atmosphäre und Aufbau in Pokémon Pokopia verschränkt sind. Jeder Fund ist ein Puzzlestück, jede freigelegte Region öffnet eine neue Frage. Welkwüstia liegt anfangs staubig und resigniert da, bis der erste Wasserstrahl die Steppe begrünt. In Kargbergia warten schroffe Felsrücken auf behutsame Pflege, und spätestens in Glitzerwolkia hängt die Welt buchstäblich im Himmel. Bei alledem werden wir nie gehetzt. Pokopia traut uns zu, Pausen zu machen, einen Mittag im Bett zu verschlafen oder einfach die Wolken zu zählen. Eine Wohltat in einem Genre, das andernorts gern mit Timern und To-do-Listen drängelt.

Optisch greift Game Freak zu einem warmen, leicht stilisierten Look, der schöner aussieht als alles, was die Reihe zuletzt geliefert hat. Pokémon-Modelle sind erstmals seit Jahren wirklich liebenswert animiert: Pinsir hobelt Bauholz, Voltilamm summt Strom in unsere Lampen, Plinfa schrubbt den ölverschmierten Strand. Akustisch glänzt Pokopia mit verträumten Remixen klassischer Kanto-Themen, mit Naturgeräuschen und kleinen Pokémon-Lautäußerungen, die zwar ohne Sprachausgabe auskommen, aber trotzdem Persönlichkeit transportieren. Wir empfehlen Kopfhörer, gerade nachts auf der Couch!

Geteiltes Paradies

Auch der Mehrspieler-Modus überrascht. Bis zu vier Freundinnen oder Freunde dürfen lokal oder online in unsere Welt eintauchen, mitbauen, gemeinsam Sprungseil-Wettbewerbe austragen oder einfach plaudern. Über GameShare laden wir sogar Bekannte ein, die Pokémon Pokopia gar nicht besitzen. Das funktioniert auf der Nintendo Switch 2 und sogar auf der ersten Switch, solange eine Switch 2 die Sitzung startet. Dass ausgerechnet ein Pokémon-Spiel das Teilen so einfach macht, ist neu für die Marke. Zusammen mit täglichen Aufgaben, Geheimgeschenken und Saison-Events entsteht eine Sogwirkung, die unweigerlich an Animal Crossing: New Horizons erinnert, nur mit deutlich mehr Substanz darunter.

Technisch gibt es wenig zu meckern. Pokémon Pokopia läuft in stabilen 60 Bildern pro Sekunde, und nach den Patzern von Pokémon Karmesin und Purpur ist allein das eine erlösende Nachricht. Nur gelegentliches Pop-in erinnert daran, dass hier eine offene Welt gestemmt wird. Trüber ist der Beigeschmack der physischen Fassung: In der Hülle steckt nur eine Software-Schlüsselkarte, echte Spieldaten gibt es nicht. Wer auf physische Sammlungen Wert legt, sollte das vor dem Kauf wissen. Die Download-Fassung ist ohnehin zehn Euro günstiger.

Geschrieben von Arne Ruddat

Fazit:

Arne Ruddat

Ich mag Cozy Games. Animal Crossing: New Horizons hat mich sehr lange begleitet, und trotzdem falle ich von solchen Welten irgendwann ab, ohne es zu merken. Pokémon Pokopia hält mich bislang fest, und ich lasse es gern geschehen. Mich rührt diese stille, fast melancholische Welt, in der wir nicht in den Kampf ziehen. Ich darf öden Rasen wieder begrünen, verstreute Tagebucheinträge aufspüren und einem schnarchenden Mooslaxo auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin eine Blumenwiese basteln. Game Freak und Omega Force liefern hier das umfangreichste, charmanteste und überraschend tiefgründigste Pokémon-Spiel, das ich seit Jahren erlebt habe. Und das innovativste obendrein: Kein Teil der Marke hat sich je so weit vom Kämpfen gelöst, ohne sich dabei weniger nach Pokémon anzufühlen. Das Tutorial nimmt mich anfangs fest an die Hand, später lässt mich Pokopia einfach machen. Genau aus diesem Wechsel entsteht ein Sog, durch den ich mitunter vergesse, wie spät es ist. Wer eine Nintendo Switch 2 besitzt oder über die Anschaffung nachdenkt, findet hier vielleicht den überzeugendsten Kaufgrund, den die neue Konsole bisher zu bieten hat. Für Pokémon-Fans ohnehin Pflicht, für Neulinge eine herzliche Einladung.