A-Train: All aboard! Tourism – TEST

Seit 1985 verzaubert die A-Train-Serie Japan. Bis auf wenige Veröffentlichungen in den letzten Jahren ist die Reihe hierzulande aber doch eher unbekannt. Mit A-Train: All aboard! Tourism wagt das Franchise einen neuen Gehversuch auf der Switch, stolpert dabei aber häufiger.


In A-Train: All aboard! Tourism mimen wir einen frischen gebackenen Unternehmer, der die Rolle des Präsidenten einer Eisenbahngesellschaft übernimmt. Ziel des Spiels ist es, möglichst viele Gewinne einzustreichen und die Stadt, in der wir unseren Firmensitz haben, wirtschaftlich positiv zu entwickeln. Mit dem Anlegen von Eisenbahnlinien, dem Gestalten von Fahrplänen, dem Errichten von neuen Bahnhöfen und der Vernetzung mit Wahrzeichen ist der erste Schritt getan. Danach wirken auch der Bau von Attraktionen und die Verbindung des Schienennetzes mit anderen Orten Wunder. Peu à peu wird unsere Stadt attraktiver für neue Einwohner. Das lockt natürlich auch jede Menge Touristen an, die für eine kräftige Finanzspritze sorgen.

Jede Menge Tipps bekommen wir in den ersten beiden und gar nicht mal so kurzen Szenarien des Spiels von unserer persönlichen Sekretärin Matsushima Ayaka und anderen Angestellten des Unternehmens oder von der Tourismusbehörde. Danach zieht der Schwierigkeitsgrad aber sehr schnell an, denn nach den als Szenarien getarnten Tutorials erwartet das Spiel, das jeder Kniff sitzt und jede Funktionsweise bekannt ist. Anfänger, die noch nie eine Wirtschaftssimulation gespielt haben, werden ordentlich zu schlucken haben. Fortgeschrittene Spieler und Profis werden sich in den überladenen Menüs viel besser zurechtfinden.

Komplexe Wirtschaftssimulation

Damit wir nicht in die roten Zahlen rutschen, müssen wir unsere Einnahmen und Ausgaben stets im Blick behalten, denn nur eine positive Bilanz ermöglicht es uns, über Monate und sogar Jahre hinweg liquide zu bleiben. Zum Glück rechnet das Spiel automatisch Betriebskosten und Erlöse gegen, sodass Einnahmen oder Ausgaben gut markiert am unteren Bildschirmrand jederzeit zu sehen sind. Wer es genauer wissen will, muss sich durch zahlreiche Tabellen kämpfen, die einen Einblick in sämtliche Posten geben.

A-Train: All aboard! Tourism ist ein unglaublich detailliertes Spiel und kann sich mit vergleichbaren und im deutschsprachigen Raum auch bekannteren Wirtschaftssimulationen wie Railway Empire durchaus messen lassen. Auf der einen Seite haben wir es mit vielen wirtschaftlichen Entscheidungen wie das Einteilen der Fahrpläne oder das Beladen von industriellen Gütern zu tun. Schließlich macht es nur bedingt Sinn, einen Zug die ganze Nacht durch fahren zu lassen, wenn kaum Passagiere einsteigen. Ebenso sollten sich Lagerhallen in Bahnhofsnähe befinden, damit der Zug be- und entladen werden kann. Auf der anderen Seite lassen sich die Bahnen auch optisch anpassen, was aber keine Auswirkungen auf das eigentliche Gameplay hat. Trotzdem zeigt das sehr gut, wie viel Liebe Entwicklerstudio Artdink in das Spiel gesteckt oder es zumindest versucht hat.

Überladene Bedienung

Obwohl A-Train: All aboard! Tourism vieles richtig macht, gibt es auch mindestens genauso viele Punkte zu nennen, unter denen das Gameplay leidet. Zum Beispiel ist das Interface unglaublich überladen. Was im Tutorial überaus leicht beginnt, entwickelt sich mehr und mehr zum Alptraum. Fast jeder Aktionsknopf und fast jede Richtungstaste aktiviert einen anderen Reiter, der meist zu verschiedenen Menüs führt, die wiederum in Untermenüs mit zahlreichen Tabellen gegliedert sind. Es braucht sehr viel und eigentlich sogar zu viel Einarbeitungszeit, bis wir uns hier wirklich zurechtfinden. Kurios ist auch, dass innerhalb der vielschichtigen Menüs kein Gebrauch von den Richtungstasten respektive vom Steuerkreuz gemacht wird, wodurch sich die Bedienung per Analog-Stick noch ein klein wenig mehr gezwungen anfühlt.

Dafür bietet der Titel über eine sehr gelungene Touchscreen-Steuerung, die nach bekannten Mustern von Mobile-Geräten mit Touch-Funktion funktioniert. Beispielsweise zoomen wir ins Geschehen mit dem Spreizen von zwei Fingern oder drehen die Ansicht, indem wir zwei Finger im Viertelkreis drehen. Alle Schaltflächen lassen sich kinderleicht mit einem Fingerstups aktivieren. Dadurch spielt sich A-Train: All aboard! Tourism im Handheld-Modus wesentlich besser als im stationären Betrieb beziehungsweise über die Knöpfchensteuerung.

Veraltete Technik

Unter optischen Gesichtspunkten ist das Spiel kein großer Hingucker, denn grafisch sind so gut wie alle Elemente maßlos veraltet und erinnern eher an PC-Spiele des Genres, wie es um das Jahr 2000 gab und auch damals schon betagt waren. Ulkig ist auch, dass es auf der Switch verschiedene Grafikeinstellungen gibt, in denen wir die Sichtweite, den Detailgrad, die Menge an Passanten oder auch den Bloom-Effekt regeln können, die den Lüfter der Switch ordentlich arbeiten lassen. Dass die Performance darunter stark leidet, ist nachvollziehbar.

Im Spiel wird im Hintergrund zwar viel berechnet, aber andere Genre-Vertreter wie das bereits angesprochene Railway Empire zeigen deutlich, dass es auch anders geht und zu alledem auch noch hübscher aussehen kann. Spätestens dann, wenn wir sehr nah ans Geschehen heranzoomen und quasi in Ego-Perspektive durch die Stadt marschieren, fällt das technische Grundgerüst in sich zusammen. Nichtsdestotrotz dürften aber gerade Modelleisenbahnliebhabern die kleinen Details wie die süßen Bahnen, die aus der isometrischen Ansicht am Boden von einem Bahnhof zum anderen flitzen, gefallen. Auch Häuser, in denen in den Abendstunden die Lichter angehen und erst in der Nacht erlöschen, sind für Fans von Miniaturwelten dennoch ein klarer Pluspunkt, auch wenn diese Effekte im Jahr 2021 niemanden mehr vom Hocker hauen.

Fehlende deutsche Übersetzung

Akustisch ist A-Train: All aboard! Tourism ebenfalls ein schwieriger Testkandidat, denn die seichten Melodien passen grundsätzlich sehr gut zum Geschehen. Es ist ein charmantes Gedudel, das die triste Grundstimmung der Wirtschaftssimulation erheitert und auch aufwertet. Allerdings fällt negativ auf, dass die Musikstücke nicht sonderlich lang oder abwechslungsreich sind. Mit der Zeit können wir den repetitiven Soundtrack mitsummen, sodass er uns auch noch Stunden nach der letzten Spielsession mehr schlecht als recht durch den Kopf geistert. Eine Sprachausgabe gibt es im Übrigen selbst auf Japanisch nicht. Alle Charaktere bleiben stumm, sodass alle Hinweise selbst gelesen werden müssen.

Leider haben es die Entwickler versäumt, anders wie beispielsweise bei A-Train 8 und A-Train 9 auf dem PC, eine deutsche Übersetzung anzufertigen. Die englischen Texte sind zwar meist verständlich, hin und wieder reißt jedoch ein betriebswirtschaftlicher Begriff, den wir erst nachschlagen müssen, aus der Atmosphäre heraus. Wer es sich zutraut, kann das Spiel auch auf Japanisch, Koreanisch oder vereinfachtem oder traditionellem Chinesisch spielen. Unterm Strich ist A-Train: All aboard! Tourism ein mittelmäßiges Spiel. Wer mit den Defiziten leben kann und sich in das komplizierte Gameplay einarbeiten will, wird nicht zuletzt aufgrund der Option, seine ganz persönlichen Landkarten und Szenarien zu kreieren, definitiv stundenlang Spaß haben!

Geschrieben von Eric Ebelt

Fazit:

A-Train: All aboard! Tourism ist meine erste Bekanntschaft mit dem Franchise, das es nie so wirklich aus Japan herausgeschafft hat und – wenn ich mir diesen Serienteil anschaue – vermutlich hierzulande auch nie richtig Fuß fassen wird. Das schreibe ich, obwohl ich das eigentliche Spielprinzip im Grunde richtig spannend finde. Es macht mir wirklich sehr viel Spaß, Eisenbahnlinien von einem Ort zum anderen zu legen, Bahnhöfe zu errichten, den Fahrplan zu anzupassen, Passagiere und Güter zu befördern und so indirekt die Infrastruktur der Stadt zu verbessern, was ich mit der Zeit auch optisch zu sehen bekomme. Allerdings frage ich mich, warum das Spiel mit seiner Steuerung und Bedienung so überladen und kompliziert sein muss. Schon SimCity auf dem Super Nintendo hat doch sehr gut gezeigt, wie eine Simulation simpel und zugleich komplex sein kann! Traurig bin ich aber tatsächlich über den desolaten Zustand der Technik. Das Spiel ruckelt mir zu häufig und auch die Texturen und Modelle sind von vorgestern. Ebenso könnten die Melodien abwechslungsreicher sein. So bleibt am Ende ein mittelmäßiges Spiel, das jedem Wirtschaftssimulationsfan Spaß machen kann, sofern er sich denn auf die vermeidbar gewesenen Defizite hinwegsehen kann.