Joe & Mac Retro Collection – TEST
In den 1990er-Jahren entstanden viele wegweisende Platformer, die in der Videospielhistorie bis heute nachhallen. Das Joe-&-Mac-Franchise gehört zwar nicht dazu, doch erfreut sich die Serie bis heute einer eingeschworenen Fanbase, die durch die Joe & Mac Retro Collection seit Ende Oktober 2026 in Nostalgie schwelgen darf.

Wer sich mit der Weltgeschichte nicht auskennt, wird durch Werke wie die in den 1960er-Jahren entstandene Zeichentrickserie Familie Feuerstein oder durch die Joe-&-Mac-Reihe in den 1990er-Jahren womöglich ein falsches Bild von dieser haben. Obwohl Millionen von Jahren zwischen Dinosauriern und dem Homo sapiens liegen, vermischen fiktive Werke zu Unterhaltungszwecken die Zeitalter, sodass der fatale Gedanke aufkommt, sie hätten koexistiert. Uns soll es nicht stören, denn schon im ersten Serienteil Joe & Mac: Caveman Ninja aus dem Jahr 1991 entstehen so abstruse Situationen und waghalsige Level-Strukturen, die nicht nur abwechslungsreich sind, sondern auch nachhaltig in Erinnerung bleiben.
In der Rolle der beiden titelgebenden Höhlenmenschen, von Beruf offenbar Ninja, klettern wir zum Beispiel über den Rücken eines Tyrannosaurus rex. Im Anschluss bewerfen wir ihn in einem Kampf mit zahlreichen Knochen – wahlweise alleine oder im simultanen Mehrspielermodus mit einem Freund an unserer Seite! An den Krallen eines Pterodactylus hängend werden wir hingegen in das nächste Bonuslevel katapultiert, bevor es mit selbiger Transportmöglichkeit zurück in den harten Platformer-Alltag geht. Ebenso kämpfen wir uns mit einer Keule und Feuerbällen aus der zweidimensionalen Seitenperspektive nicht nur gegen Dinosaurier von links nach rechts voran, sondern müssen uns auch gegen die bösen Neandertaler erwehren. Diese haben schließlich die Frauen aus dem Dorf entführt, die wir der Reihe nach retten müssen.
Experimente in den frühen 1990er-Jahren

Ein Jahr später stand mit Congo’s Caper bereits der nächste Serienteil in den Startlöchern, der sich jedoch stark von seinem Vorgänger unterscheidet. Joe und Mac wurden im Jahr 1992 in ihre wohlverdiente Pause geschickt. Stattdessen schlüpfen wir in die Rolle des titelgebenden Congo, einem Hybridwesen aus Mensch und Affe. Dessen Freundin wird von einem bösartigen Dämon entführt – und wir müssen sie retten, indem wir abermals zweidimensionale Levels durchkämmen. Bedientechnisch ist die Steuerung wesentlich direkter als bei Joe & Mac: Caveman Ninja, doch zieht der Schwierigkeitsgrad dafür ordentlich an.
Während wir im Seriendebüt beim Ableben an Ort und Stelle solange wiederbelebt werden, bis unsere Versuche aufgebraucht sind, müssen wir im Falle eines Bildschirmtodes in Congo’s Caper einen Abschnitt unter Umständen von vorne beginnen. Ein Glück, dass die Joe & Mac Retro Collection über eine Rückspulfunktion verfügt. Wesentlich versöhnlicher ist da schon der in Japan nummeriert dritte Serienteil von 1994, der hierzulande jedoch als Joe & Mac 2: Lost in the Tropics veröffentlicht wurde. Hier verkörpern wir wieder die beiden Höhlenmenschen und machen uns diesmal auf die Suche nach der Krone des Häuptlings. Hier zeigt sich, dass die Entwickler von Data East das Genre weitergedacht haben. Wir durchlaufen im dritten Teil nicht nur größere Levels, sondern sammeln nebenher auch Geld ein, das wir wiederum in Läden ausgeben dürfen, um beispielsweise Blumen zum Ehelichen einer Dame zu erwerben.
Verspieltes Potenzial einer unvollständigen Sammlung

Damals wie heute überzeugen die drei enthaltenen Spiele mit ihren nicht-linearen Strukturen, denn häufig haben wir die Wahl, versteckte Pfade zu öffnen oder die Levels sogar in abweichender Reihenfolge anzugehen. Da alle drei Spiele relativ kurz sind, erhöht das den Wiederspielwert enorm. Enthalten sind übrigens lediglich die Super-Nintendo-Versionen der Spiele. Aus technischer Sicht betrachtet kann schon der erste Serienteil von 1991 mit bunten Grafiken und wunderbaren Charaktersprites punkten. Der Nachfolger, auch wenn er sich in puncto Steuerung besser anfühlt, kommt grafisch nicht heran und wirkt mit seiner blockartigen Struktur ein wenig so, als sei der Titel ursprünglich für eine 8-Bit-Konsole entstanden.
Retro-Fans freuen sich darüber hinaus über einen Kathodenstrahlröhrenfilter und verschiedene Rahmen für das 4:3-Bild, das Masochisten auch auf das Breitbildformat umstellen können. Schade ist jedoch, dass der vierte Serienteil, sprich Joe & Mac Returns, nicht in der Kollektion enthalten ist. Auch die verschiedenen Versionen des ersten Serienteils fehlen völlig, weshalb aus unserer Sicht die Sammlung viel Potenzial verspielt. Immerhin sind wie bei der Super Bomberman Collection nordamerikanische, europäische und japanische Spielanleitungen und Boxarts einsehbar. Als besonderes Schmankerl erwarten Fans der Reihe in der Joe & Mac Retro Collection noch siebzig hochauflösende Artworks und 64 Musikstücke inklusive kurzer Jingles.
Geschrieben von Eric Ebelt
Fazit:
Da ich mich in den 1990er-Jahren vornehmlich mit den Platformern im Super-Mario-Lager unterwegs war, habe ich von Joe & Mac zwar immer mal wieder gehört, aber nie selbst Hand an die Jump ’n’ Runs gelegt. Durch die Joe & Mac Retro Collection konnte ich diese Lücke endlich schließen und bin überrascht, wie gut sich die Spiele in mancher Hinsicht auch heute noch spielen. Sie können es zwar nicht mit Klassikern wie Super Mario World von 1990 aufnehmen, machen aber dennoch sehr viel Spaß. Das liegt vor allem an der offenen Spielstruktur, sodass ich mit Schlüsseln verborgene Pfade auf der Weltkarte öffnen oder Levels in einer ganz anderen Reihenfolge angehen kann. Gerade der erste und der dritte Serienteil zeigen hier, wie sich das Genre in den frühen 1990er-Jahren entwickelt hat. Lediglich der zweite Teil, obwohl er sich bedientechnisch am rundesten anfühlt, kann mich nicht ganz überzeugen, denn die Levels sind für meinen Geschmack zu blockartig aufgebaut. Audiovisuell geht die Sammlung aber in Ordnung, was vor allem an den ulkigen Charaktersprites liegt. Unverständlich bleibt für mich, dass der vierte Serienteil fehlt und auch die alternativen Versionen des Seriendebüts abstinent sind. Dass das besser geht, hat wenige Wochen vorher bereits der Toy Story Retro Round-up! mit Bravour bewiesen. Wer Lust hat, ein paar spaßige wie kurzweilige Klassiker der 16-Bit-Zeit nachzuholen und ein Faible für Dinosaurier und Höhlenmenschen hat, darf bei der Joe & Mac Retro Collection aber einen Blick riskieren.







