Persona 3 Reload – TEST

Wer mit japanischem Anime-Stil nichts anfangen kann, ist hier fehl am Platz. Schon das Intro-Video von Persona 3 Reload wirkt verstörend und dezent gruselig und gibt einen Vorgeschmack auf die düstere Reise, die uns erwartet. Wer sich darauf jedoch einlässt, wird mit einem Rollenspiel belohnt, das langfristig fesselt und hinter seiner stilvollen Fassade spielerisch immer mehr Tiefgang offenbart.


Schon das Eröffnungsvideo stimmt auf den unangenehmen Ton des Abenteuers ein: Mitternacht in einer Großstadt, alle Menschen außer unserer Heldentruppe sind zu seltsamen Sarkophagen erstarrt, Blut tropft aus Automaten und ein Mädchen richtet sich im Schulwohnheim zitternd eine Pistole an den Kopf. Eine verstörende Szene als Einstieg – was hat es mit dieser geheimnisvollen Dark Hour auf sich? Wir schlüpfen in die Rolle eines Austauschschülers, der dieses verborgene Zeitfenster zwischen zwei Tagen entdeckt. Kurz darauf erwachen in ihm ungeahnte Kräfte, und er stößt zu einer Schülergruppe, die sich dem nächtlichen Grauen entgegenstellt.

Übernatürliche Kampfkraft erhalten die Heldinnen und Helden in Persona 3 Reload auf drastische Weise: Sie aktivieren ihre Persona-Fähigkeiten, indem sie sich selbst per Kopfschuss einen Schock versetzen. Diese unerwartete Methode erklärt die Suizid-Warnung zu Beginn und die Alterseinstufung ab 16 Jahren. Im Spiel wird der als Evoker bezeichnete Mechanismus zwar thematisiert, doch der Skandal, den eine solche Darstellung auslösen könnte, blieb schon 2006 beim Original aus. Stattdessen rückt schnell das eigentliche Ziel in den Vordergrund: Nachts zieht unser Team, genannt S.E.E.S., in den mysteriösen Turm Tartarus, um dort gegen Schattenwesen zu kämpfen und dem Geheimnis der Dark Hour auf den Grund zu gehen.

Neues Leben für einen Klassiker

Persona 3 markierte 2006 einen Wendepunkt für Atlus’ JRPG-Reihe: Erstmals verband das Spiel eine tiefgründige Teenager-Story und Alltagsleben-Simulation mit düsteren Dungeon-Erkundungen und rundenbasierten Kämpfen. Entwickelt vom hauseigenen Persona-Team unter Atlus’ Dach, erhielt der Titel schnell Kultstatus. Nach dem durchschlagenden Erfolg des stilistisch verwandten Persona 5 war der Ruf nach einer Neuauflage des dritten Teils laut – und Atlus hat geliefert. Persona 3 Reload ist ein Remake, das den Klassiker technisch und spielerisch in die Moderne holt, ohne dessen Kern zu verändern.

Ursprünglich erschien Persona 3 Reload Anfang 2024 für andere Plattformen, ehe es mit rund einem Jahr Verspätung im Oktober 2025 auch den Weg auf Nintendos neue Switch-Generation fand. Die Entwicklung baute dabei auf der Engine und dem Konzept von Persona 5 auf: Grafikstil, Benutzeroberfläche und viele Spielmechaniken wurden von Atlus neu umgesetzt, um den Charme des Originals frisch erstrahlen zu lassen. Anstatt einfach eine aufpolierte Emulation zu liefern, steckten die Entwickler spürbar Arbeit in Details – von neuen Zwischensequenzen bis zu erweiterten gesprochenen Dialogen. Allerdings verlief der Sprung auf die Switch 2 nicht ganz reibungslos: Atlus veröffentlichte den Port etwas überhastet, was anfangs für technische Abstriche sorgte, doch dazu später mehr.

Zwischen Schulbank und Schattenwelt

Tagsüber besucht ihr in Persona 3 Reload ganz normal die Schule, pflegt Freundschaften und geht Clubaktivitäten nach. Ihr entscheidet, wie ihr, der männliche Protagonist mit frei wählbarem Namen, seine freie Zeit verbringt: Vielleicht mit den unvergesslichen Charakteren der Geschichte abhängen, einen Nebenjob annehmen oder für die nächsten Prüfungen büffeln. Jede eurer Entscheidungen kann die Entwicklung eurer Figur beeinflussen. So steigert ihr etwa soziale Eigenschaften wie Mut oder Charisma und knüpft wichtige Bindungen zu euren Mitschülerinnen und Mitschülern. Diese Freundschaften, Social Links genannt, sind mehr als nur nette Geschichten: Sie bringen spielerische Vorteile und schalten neue Möglichkeiten frei. Ihr könnt damit im Laufe des Schuljahres immer tiefer in die Welt und Beziehungen eintauchen, was die Motivation hochhält, jeden virtuellen Tag sinnvoll zu nutzen.

Nachts brechen dann düstere Zeiten an. Um Mitternacht verwandelt sich die Welt während der sogenannten Dark Hour: Eure Schule mutiert zum unheilvollen Turm Tartarus, und unzählige feindselige Schatten treiben ihr Unwesen. In den rundenbasierten Kämpfen stellt ihr euch mit eurem Team aus bis zu vier Charakteren diesen Kreaturen. Persona 3 Reload orientiert sich hier am modernisierten Kampfsystem aus Persona 5: Gegner besitzen Schwachstellen gegenüber bestimmten Elementen oder Angriffstypen – nutzt ihr diese geschickt aus, gehen die Schatten zu Boden und ihr erhaltet zusätzliche Aktionen. Dadurch entwickelt sich ein taktischer Flow, bei dem ihr die Fähigkeiten eurer Figuren clever kombiniert. Endlich dürft ihr auch alle Teammitglieder direkt steuern, anstatt wie im PlayStation-2-Original auf die oft eigenwillige künstliche Intelligenz zu vertrauen. Neben Waffen und Magie sind eure größten Trumpfkarten natürlich die namensgebenden Personas – beschworene Wesen, die verschiedene Kräfte verleihen. Nur euer Hauptcharakter kann mehrere Personas sammeln, trainieren und via Fusion zu immer mächtigeren Kreaturen verschmelzen. Dieses tiefe Sammel- und Kombo-System sorgt dafür, dass experimentierfreudige Spielerinnen und Spieler ständig neue Strategien ausprobieren können.

Nicht nur der Mix aus Schul-Simulation und Monster-Rollenspiel motiviert, auch einige willkommene Komfortfunktionen tragen zum Spielfluss bei. So gibt es etwa die Möglichkeit, bei Fehlentscheidungen nicht gleich den ganzen Tag zu verlieren: Das Spiel speichert einige Momente vor dem Drücken bestimmter Knöpfe mit – geht etwas schief, könnt ihr kurzerhand ein Stück zurückspulen. Diese kleine Rückspulfunktion erweist sich als äußerst praktisch und mindert den Frust bei unerwarteten Niederlagen oder ungünstigen Dialogentscheidungen. Überhaupt beweist das Remake Feingefühl darin, zeitgemäße Annehmlichkeiten einzubauen, ohne den Anspruch des Originals zu verwässern.

Schaurig-schöne Inszenierung

Grafisch orientiert sich Persona 3 Reload stark an der stilisierten Optik von Persona 5. Das bedeutet: knackige Anime-Optik in 3D, geschmeidige Charakteranimationen und ein User-Interface, das förmlich vor Stil sprüht. Die nächtlichen Dark-Hour-Szenarien tauchen die Spielwelt in grün-blaues Mondlicht und schaffen eine unverkennbare Atmosphäre zwischen Melancholie und Horror. Trotz moderner Technik merken wir dem Spiel sein PlayStation-2-Erbe in manchen Details noch an – etwa wiederholen sich die schmalen Korridore im Tartarus visuell recht häufig. Das herausragende Artdesign kaschiert jedoch solche Schwächen größtenteils. Die markanten Figuren und Gegner wurden originalgetreu nachmodelliert, und zwischendurch erwarten euch schön inszenierte Zwischensequenzen. Persona 3 Reload setzt klar auf seinen Anime-Look: Wem große Kulleraugen, fantasievolle Schuluniformen und stilisierte Effekte nicht zusagen, wird hier nur schwer warm. Alle anderen genießen eine schicke Präsentation, die technisch zwar nicht mit aktuellen Großproduktionen konkurrieren kann, aber dank ihrer starken Ästhetik und liebevollen Details im Gedächtnis bleibt.

Musikalisch überzeugt Atlus auf ganzer Linie. Persona 3 Reload bietet einen erstklassigen Soundtrack, der die ikonischen Songs des Originals neu arrangiert und mit vielen frischen Stücken erweitert. Von mitreißenden J-Pop-Battlethemes bis zu atmosphärischen Klaviermelodien im Schulalltag deckt die Musik ein breites Spektrum ab und untermalt perfekt das Wechselbad der Gefühle zwischen Tag und Nacht. Auch in den Kämpfen feuert ein treibender Sound das Adrenalin an. Die Soundeffekte, etwa das Zerbrechen von Shadows oder das bedrohliche Ticken der Uhr um Mitternacht, sitzen punktgenau. Zudem ist die Sprachausgabe – wahlweise Englisch oder Japanisch mit deutschen Texten – umfangreicher als damals: Wichtige Dialoge sind vollständig vertont, was den emotionalen Szenen noch mehr Gewicht verleiht. Die hochwertigen Sprecherleistungen tragen dazu bei, dass wir uns mit den Charakteren verbunden fühlen. Insgesamt schafft es die Inszenierung, eine dichte, schaurig-schöne Atmosphäre aufzubauen, die uns tief ins Spielgeschehen hineinzieht.

Technik und Extras auf der Switch 2

Auf der Switch 2 läuft Persona 3 Reload nach einigen Updates solide. Zum Start der Portierung musste die neue Nintendo-Konsole mit einer auf dreißig Bilder pro Sekunde beschränkten Bildrate und kleinen Rucklern vorliebnehmen, was gegenüber anderen Plattformen enttäuschte. Atlus hat jedoch Nachbesserungen geliefert: Ein Patch hob die starre Begrenzung auf und fügte einen Performance-Modus hinzu, der im TV-Modus etwa sechzig Bilder pro Sekunde anpeilt. Dadurch wirken die Kämpfe nun deutlich flüssiger, wenngleich dieser Hochleistungsmodus kleinere grafische Einbußen und im Handheld-Betrieb weiterhin dreißig Bilder pro Sekunde bedeutet. Insgesamt wurde die Framerate-Stabilität sowohl im Docked- als auch im Handheld-Modus verbessert, sodass das Spielgefühl jetzt weitgehend geschmeidig ist. Auch die Ladezeiten sind angenehm kurz, was die ständigen Szenenwechsel zwischen Schule und Dungeon erträglich macht. Leichte Eingabeverzögerungen (Input-Lag) merken wir zwar bei genauem Hinsehen noch, aber im normalen Spielverlauf fällt das kaum ins Gewicht. Im Endeffekt ist die technische Umsetzung nach dem Patch in Ordnung – schade nur, dass es die Optimierungen nicht direkt zum Launch geschafft haben.

Einen Wermutstropfen gibt es für Sammlerinnen und Sammler: Die Handelsversion von Persona 3 Reload kommt ohne Cartridge aus. In der Switch-2-Box befindet sich lediglich ein Download-Code, sodass ihr das komplette Spiel herunterladen müsst. Das spart Sega Produktionskosten, hinterlässt aber einen faden Beigeschmack, zumal der Download mit über zwanzig Gigabytes nicht ohne ist. Abgesehen davon ist der Umfang des Spiels selbst recht großzügig. Neben der etwas über achtzig Stunden langen Hauptstory gibt es eine Fülle an Nebenbeschäftigungen: optionale Social-Link-Geschichten, freischaltbare Personas, Nebenquests und geheime Bossgegner halten motivierte Spielerinnen und Spieler lange bei der Stange. Zudem bietet Atlus kostenpflichtige Download-Inhalte mit zusätzlichen Kostümen, Persona-Sets und Musiktracks an. Besonders relevant ist das „Episode Aigis: The Answer“-Paket, das ein epilogisches Bonuskapitel nach den Ereignissen der Hauptgeschichte hinzufügt – dazu später mehr.

Neuerungen & Unterschiede

Fans des Originals werden in Persona 3 Reload vieles wiedererkennen, aber nicht alles wiederfinden. So fehlt insbesondere die alternative Handlungsroute mit weiblicher Hauptfigur, die in Persona 3 Portable für die PlayStation Portable von 2009 enthalten war. Atlus hat sich entschieden, im Remake ausschließlich die Geschichte des männlichen Protagonisten zu erzählen, vermutlich um diese narrative Linie umso intensiver auszuarbeiten. Das ist zwar nachvollziehbar, dürfte aber manche Fans enttäuschen, die gern auch die weibliche Perspektive erlebt hätten. Zudem wurde das bekannte Epilog-Szenario „The Answer“ aus Persona 3 FES aus dem Jahr 2007 nicht ins Hauptspiel integriert. Stattdessen erscheint es in Reload als kostenpflichtiger Inhalt namens Episode Aigis. Wer das komplette Erlebnis sucht, muss also separat zur Brieftasche greifen – ein fragwürdiger Schritt, zumal The Answer im Original kostenloser Bestandteil des Spiels war.

Dafür wartet Persona 3 Reload mit einer Reihe von Verbesserungen und Erweiterungen auf, die das Spielerlebnis runder machen. Viele Zwischensequenzen wurden neu erstellt oder ergänzt, um die Handlung flüssiger zu präsentieren. Die Charaktere erhalten mehr Bildschirmzeit und Dialoge, was ihre Entwicklungen glaubwürdiger erscheinen lässt. Die ehemals starren Menüs von Persona 3 Portable wichen wieder einer frei begehbaren Spielwelt: Ihr lauft nun selbst durch Schulflure und Stadtviertel, anstatt euch durch Kartenbildschirme zu klicken, was der Immersion guttut. Auch spielmechanisch wurde modernisiert – wie erwähnt, gibt es indessen die Direktsteuerung der Gruppenmitglieder und eine hilfreiche Rückspulfunktion, die beide im PlayStation-2-Original nicht vorhanden waren. Weiterhin sorgt die generalüberholte Benutzeroberfläche dafür, dass etwa Persona-Fusionen, Ausrüstungswechsel und Taktik-Einstellungen komfortabler von der Hand gehen. Kurzum: Reload bleibt der Vorlage treu, verbessert aber an vielen Stellen den Bedienkomfort und das Pacing. Für Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger ist es fraglos der beste Weg, Persona 3 kennenzulernen. Kenner des Originals werden zwar ein paar liebgewonnene Inhalte vermissen, dafür aber ihr Lieblingsspiel in zeitgemäßem Gewand mit zahlreichen Quality-of-Life-Upgrades genießen können.

geschrieben von Arne Ruddat

Fazit:

Arne Ruddat

Persona 3 Reload hat mich eine ganze Weile beschäftigt. Die einzigartige Mischung aus Highschool-Drama und düsterer Monsterjagd funktioniert für einen Neuankömmling wie mich auch Jahre nach dem Original hervorragend. Ich denke, dass gerade die melancholische Atmosphäre von Persona 3 einen Nerv trifft, den viele andere Titel so nicht erreichen. Natürlich musste ich mich erst auf die ausufernden Dialoge und den typischen Anime-Stil einlassen, doch dann fieberte ich mit den Schicksalen meiner Begleitungen mit. Die Geschichte über Leben, Tod und Freundschaft entfaltet eine überraschend emotionale Wucht. Spielerisch belohnt das Remake geduldige Naturen: Je weiter ich komme, desto mehr Tiefgang offenbart sich – sei es durch neue Persona-Fusionen, immer anspruchsvollere Kämpfe oder die zunehmend vertrauten sozialen Beziehungen, die ich im Spiel aufbaue. Es ist ein Spiel, das lange fesselt und auch nach dutzenden Stunden immer noch neue Facetten bietet. Ganz perfekt ist Persona 3 Reload trotzdem nicht. Ein kleiner Teil von mir trauert der fehlenden weiblichen Protagonistin nach, die in der Portable-Version wohl eine alternative Sicht auf die Geschichte bietet. Auch dass Atlus einen Teil ausgelagert hat und als separaten Download-Inhalt verkauft, ist schade. Insgesamt ändert das alles aber wenig an meiner Begeisterung. Persona 3 Reload ist ein aufwendig modernisiertes Remake eines Rollenspielmeilensteins, das sowohl alte Fans als auch Neulinge begeistern kann. Ich kann dieses Spiel jedem ans Herz legen, der komplexe, erzählerisch starke JRPGs liebt und sich auf einen langen, atmosphärischen Trip einlassen will. Wer hingegen mit japanischer Anime-Ästhetik oder der Mischung aus viel Story und viel Grind so gar nichts anfangen kann, wird hier vermutlich nicht glücklich – alle anderen dürfen zugreifen und sich auf ein intensives Erlebnis gefasst machen. Für mich steht fest: Persona 3 Reload ist kein bloßer Lückenfüller bis Persona 6, sondern ein packendes Abenteuer, das auch 2026 noch absolut spielenswert ist.