Stellar Wanderer DX – TEST

Kaum einem Attentat entronnen, sitzen wir schon wieder im Cockpit: Stellar Wanderer DX wirft uns in eine Galaxie voller Verschwörungen, verfeindeter Fraktionen und uralter Geheimnisse. Wir schürfen Erze, jagen Kopfgeldern hinterher und liefern uns Dogfights zwischen den Sternen, ganz so, wie es uns gefällt. Ob aus dem einstigen Handyspiel ein großer Weltraumtraum geworden ist, klärt der Test.


Ursprünglich erschien Stellar Wanderer 2016 als kleines Mobile-Spiel, damals herausgebracht von Crescent Moon Games. Zehn Jahre später schickt das Studio Dream Builder es gemeinsam mit Publisher Leoful von Grund auf aufpoliert auf die Nintendo Switch und weitere Konsolen. Im Kern bleibt Stellar Wanderer DX eine altmodische Weltraum-Simulation in offener Galaxie, die ihr Herz offen bei Klassikern wie Freelancer und Wing Commander: Privateer trägt. Wir steuern ein eigenes Schiff, nehmen Söldneraufträge an und entscheiden selbst, ob wir der rund zehnstündigen Geschichte folgen oder frei durch die Systeme ziehen. Vor uns liegt eine Sternenkarte aus sicheren Hochsicherheitswelten, unabhängigen Grenzregionen und gefährlichen Piratenrevieren, in denen wir uns vom angesehenen Rennchampion bis zum gefürchteten Outlaw unseren Ruf erst erspielen.

Vier Berufe, ein Schiff

Zu Beginn wählen wir aus vier Berufen: Krieger, Händler, Tank oder Techniker. Jede Wahl verschiebt unsere Werte und stattet uns mit einer Sonderfähigkeit aus. Der Krieger steckt mehr ein und teilt härter aus, der Händler feilscht günstiger und schleppt mehr Fracht, während Tank und Techniker auf Panzerung beziehungsweise Bordsysteme setzen. Danach sammeln wir flott Erfahrung und verteilen unsere Punkte im Piloten-Menü, das wir mit Bedacht angehen sollten. Tief in die Geschichte greift die Berufswahl trotzdem nicht ein. Eher gibt sie uns einen Startpunkt vor, von dem aus wir ohnehin in jede Richtung wachsen. Wer auf Krawall aus ist, fährt mit dem Krieger gut, wer lieber Reichtümer häuft, sattelt auf den Händler, und über kurz oder lang liegt beides drin.

Mit der Zeit rüsten wir unser Schiff kräftig auf. Über ein Dutzend Modelle stehen zur Wahl, vom wendigen Jäger bis zum behäbigen Frachter, dazu mehr als hundert Bauteile für Waffen, Schilde, Antrieb und Frachtraum. Im Hangar stecken wir Kanonen, Greifarme und Scanner in eigene Steckplätze, und wer schmuggeln will, baut versteckte Frachtfächer oder Passagierkabinen ein. Schön ist, wie spürbar uns jedes Upgrade stärker macht: Plötzlich zerlegen wir Gegner, die uns kurz zuvor noch ins Schwitzen brachten. Ganz ungetrübt bleibt die Bastelfreude trotzdem nicht. Die Auswahl wiederholt sich rascher als erhofft, neue Fundstücke werden mit der Zeit selten, und manche Station führt nicht einmal Nachschub für unsere Raketen. So motiviert das Tuning anfangs ungemein, verliert auf längere Sicht aber an Schwung.

Schürfen, handeln, schießen

Im Cockpit liefern wir uns Dogfights mit rivalisierenden Fraktionen, raffgierigen Piraten und schrägen Aliens, wahlweise aus der Verfolgerperspektive, der Egoansicht oder direkt aus dem Cockpit heraus. Mit Lasern und Raketen nehmen wir Gegner aufs Korn, zünden den Nachbrenner gegen eine dicke Salve und ziehen anschließend mit dem Greifarm die Beute ein. Angenehm: Anders als bei vielen Genrekollegen zielt es sich in allen drei Ansichten gleich gut. Fordernd wird es dabei selten, denn von Haus aus visiert das Spiel überaus großzügig an. Wer Biss sucht, stellt auf die schärfere Zielhilfe um. Immer wieder sind es ohnehin dieselben zwei Gegnertypen, ein Pirat und ein Pirat-Veteran, die uns ins Visier nehmen, und besiegt sind sie meist, ehe echte Spannung aufkommt.

Abseits der Kämpfe schürfen wir Minerale aus treibenden Asteroiden, handeln Waren zwischen den Systemen oder schmuggeln verbotene Fracht durch die Kontrollen. Verdient wird an allem, vom schnöden Energiezellen-Transport bis zur Ladung Parfüm, und genau dieses Kleinklein hat seinen nostalgischen Reiz. Vieles davon wickeln wir allerdings in Menüs ab: Ausrüstung im Hangar, Preise auf dem Markt, dazwischen immer wieder Ladezeiten, die den Schwung bremsen. Die Nebenmissionen lockern die Routine auf, wir spüren Verbrecher auf, eskortieren Schiffe oder treten beim Weltraum-Rennen an. Gerade die erzwungenen Rennen sind Geschmackssache. Ärgerlich ist zudem, dass eine Story-Mission beim Andocken sofort startet: Wer vorher noch rasch einen Nebenauftrag erledigt, steht im schlimmsten Fall vor einem gescheiterten Kapitel.

Bekannte Gesichter im All

Optisch trägt Stellar Wanderer DX seinen Retro-Charme bewusst zur Schau, irgendwo zwischen frühen Zweitausendern und aufgefrischter Neuauflage. Gestochen scharf funkelt der Weltraum in der Ferne, jedes System hat seine eigene Stimmung, und an Lichtern und Nebeln spart das Spiel nicht. Aus der Nähe bröckelt der Lack jedoch: An Stationen und Asteroiden geraten die Texturen grob, und die Sprungtore wirken eher wie kleine Dreiecke als wie mächtiges Maschinenwerk. Während das große Ganze vom Schicksal der Menschheit raunt, fühlt sich die Galaxie selbst seltsam ausgestorben an. Funkverkehr oder Betrieb an den Docks suchen wir vergebens, und will kein rechter Kontrast zwischen belebten Häfen und leerer Schwärze aufkommen.

Unterwegs treffen wir auf englisch vertonte Charaktere, deren Gesichter uns merkwürdig vertraut vorkommen. Ein gewisser Herr Anderson erinnert verblüffend an Sean Penn, der Pilot Mick könnte glatt Ryan Goslings jüngerer Bruder sein. Ein Schelm, wer hier Absicht vermutet. Reizvoll ist diese kleine Promi-Parade allemal, sie verleiht den sonst recht hölzernen Begegnungen einen Hauch Wiedererkennungswert. Die Sprachausgabe selbst bleibt dagegen blass, geht im Soundtrack gelegentlich unter und kommt nur selten über solides Mittelmaß hinaus. Besser steht dem Spiel der sphärische Klangteppich, der die endlose Schwärze stimmig auskleidet und das Gefühl von Einsamkeit schafft. So begleitet uns die Vertonung zwar bis zum Abspann, ein zweites Hinhören aber verdient sie selten.

Weite Wege, schneller Vorlauf

Reisen kostet in Stellar Wanderer DX vor allem eines: Geduld. Ein eigenes Reisetempo oder feste Handelsrouten kennt das Spiel nicht, stattdessen jagen wir den Nachbrenner durch seine Ladezyklen, wieder und wieder. Auch die Steuerung hilft selten: Im Nicken und Rollen wirkt unser Schiff schwerfällig, ein bequemes Anvisieren des nächsten Ziels per Autopilot fehlt ganz. Weil die Systeme klein ausfallen, durchqueren wir sie zwar in wenigen Minuten, doch der ewige Wechsel aus Beschleunigen und Abwarten zieht sich wie Kaugummi. Erschwerend platzen beim Sprung in ein neues System fast immer Gegner ins Bild. Selbst das Andocken nimmt uns jede Anspannung: Ein Knopfdruck, eine kurze Zwischensequenz, und schon sitzen wir sicher im Hangar, mögen uns eben noch Verfolger im Nacken gesessen haben.

Für lange Strecken hält das Spiel immerhin einen 4x-Zeitraffer bereit, der alles im Schnelldurchlauf abspult, bis die nächste Story-Sequenz ansteht oder Feinde in Reichweite geraten. Praktisch ist das, hat aber seine Tücken. Kaum nähert sich ein Pirat, bricht der Vorlauf ab und zwingt uns zum Kampf, ehe wir weiterhuschen dürfen. Dass ausgerechnet die Gegner den Zeitraffer abwürgen, denen wir gerade entgehen wollten, ist doppelt ärgerlich. Und selbst beschleunigt heißt ankommen oft genug: zusehen, wie das ferne Sprungtor quälend langsam näher kriecht. Während ruhiger Etappen rafft der Modus die Leere angenehm zusammen, im Gewusel der bewohnteren Systeme stockt er dagegen ständig und kaschiert den Leerlauf nur, statt ihn zu beheben.

Was die DX-Fassung neu macht

Gegenüber dem Mobile-Original hat das Team kräftig nachgebessert, und das zeigt sich an allen Ecken. Die Sternsysteme wurden von Grund auf neu gebaut und um zusätzliche Anlaufpunkte erweitert, Umgebungen, Schiffe und Cockpits geben sich detaillierter, dazu kommen aufgewertete Modelle, frische Hangars, höher aufgelöste Himmel und eine aufgeräumtere Oberfläche. Selbst an Steuerung, Balance und Fortschritt wurde gefeilt, sodass sich das Söldnerleben runder anfühlt als seinerzeit auf dem Touchscreen. Hakelig bleibt allerdings, wie viel von unserer Karriere sich in Listen und Tabellen abspielt. Für eine Konsolenfassung mit Handy-Wurzeln ist das unterm Strich dennoch ein ordentlicher Sprung nach vorn.

An den grundlegenden Eigenheiten ändert die Politur jedoch wenig. Wer das Original kennt, findet hier dasselbe Spiel in schickerem Gewand, und auch die kleine, rasch vertraute Spielwelt bleibt dieselbe. Den bewusst retro gehaltenen Anstrich muss die Spielerschaft mögen; wer ihn annimmt, bekommt genau das versprochene Erlebnis. Immerhin läuft die Switch-Fassung weitgehend sauber, mit stabiler Bildrate und kurzen Ladezeiten; nur vereinzelt hakt kurz ein Menü. Davon abgesehen ist die DX-Version klar die beste Art, Stellar Wanderer zu erleben, ganz gleich ob als Rückkehr oder als Erstkontakt.

Geschrieben von Arne Ruddat

Fazit:

Arne Ruddat

Weltraum-Simulationen haben es mir seit jeher angetan, und das Söldnerleben zwischen Schürfen, Handeln und Kopfgeldjagd weckt sofort Erinnerungen an Freelancer. Genau diese Saite trifft Stellar Wanderer DX, und eine Weile ließ ich mich gern durch seine Weiten treiben. So groß die Verschwörung ums Schicksal der Menschheit auch tönt, so klein fällt am Ende das Universum aus, durch das sie mich schickt. Die Systeme sind schnell abgegrast, die Gegner immer dieselben, und der ewige Tanz aus Nachbrenner und Warten zehrt an meiner Geduld. Schade finde ich vor allem die erzwungenen Rennen und die blasse Sprachausgabe. Unterm Strich bleibt ein solides, aber überschaubares Abenteuer, das die Grundlagen des Genres beherrscht, ohne über sie hinauszuwachsen. Wenn ihr eine entspannte, altmodische Weltraum-Sim für zwischendurch sucht oder das Original aus Handyzeiten kennt, lohnt der Blick allemal. Wer dagegen die Tiefe eines No Man’s Sky erwartet, sollte die Reiseflughöhe besser vorher senken. Für den großen Wurf reicht es nicht, für einen gemütlichen Ausflug ins All aber schon.