The Count Lucanor -  – TEST

Horror-Elemente nehmen in Videospielen seit einiger Zeit eine zweigleisige Entwicklung. Einerseits wird versucht mit dichter Erzählung, andererseits mit vielen Spatter-Momenten den Spieler zu packen und zu schocken. The Count Lucanor reduziert das alles auf ein Minimum.


In The Count Lucanor dreht sich alles um den zehnjährigen Hans, der zusammen mit seiner Mutter auf dem Land in einer mittelalterlichen Hütte wohnt. An seinem Geburtstag hätte er gerne wie jeder seiner Freunde ein Geschenk oder zumindest Süßigkeiten. Da der Vater aus dem Krieg jedoch nie zurückgekehrt ist, nagt die zweiköpfige Familie am Hungertuch und an Leckereien oder gar Präsente für den kleinen Hans ist nicht zu denken. Hans kann sich diese Drangsalierung seiner Gefühle nicht länger guten Gewissens aussetzen und beschließt, als erwachsener Mann – dieser ist er mit zehn Jahren seiner Meinung nach schließlich – das Elternhaus zu verlassen und in die Welt zu ziehen.

Zum Abschied überreicht ihm seine Mutter einen Gehstock, ein Stückchen Käse und sämtliche Ersparnisse in Form von drei Goldstücken. Mit dieser zugegebenermaßen seltsamen Einleitung beginnt das Survival-Horror-Abenteuer. Damit Hans sein wahres Schicksal entdecken kann, ist es notwendig, ihn durch Täler, Wälder und in die Berge zu führen. Die notleidenden Figuren, auf die Hans unterwegs treffen kann, benötigen dringend seine Hilfe. Ob die Wünsche der Charaktere erfüllt werden können, hängt zum einen von der eigenen Empathiefähigkeit ab und zum anderen muss jedes Mal erwägt werden, ob wertvolle Ressourcen wie Nahrung oder Geld herausgerückt werden wollen.

Hans im Glück

Sämtliche Entscheidungen, die in der Exposition von The Count Lucanor getroffen werden, wirken sich auf den Hauptteil aus. Schon kurz nach dem Aufbruch in die Welt trifft Hans auf eine mysteriöse Gestalt, die sich als der Diener des im Sterben liegenden und titelgebenden Grafen Lucanor entpuppt. Das Phantom sucht nach einem wahren Erben für den kinderlosen Aristokraten und da Hans, wortgewagt wie immer, sich als Abenteurer adliger Abstammung vorstellt, wird ihm und somit dem Spieler prompt eine Aufgabe gestellt: Innerhalb einer Nacht soll Hans den Namen der geheimnisumwobenen Figur im Schloss des Grafen herausfinden.

Zwar ist eine freie Bewegung im alten Burggemäuer möglich, doch verhindern verschlossene und verschiedenfarbige Türen das Vorankommen, sodass erst einmal die richtigen Schlüssel für diese gefunden werden wollen. Dazu ist eine Interaktion mit den Bewohnern und Besuchern des Schlosses, die zum Teil aus der Einleitung bekannt sind, unabdingbar. Der Händler verlangt für den goldenen Schlüssel und andere Utensilien zum Beispiel Goldmünzen, die im Heim des Grafen versteckt sind oder als Belohnung für erfüllte Nebenaufgaben winken. Sämtliche Rätsel basieren zwar auf Schiebe- oder Schalterrätsel und der Spielfortschritt geht mit Hol- und Bringaufgaben einher, doch funktioniert ihr Zusammenspiel durchgehend gut.

Beklemmende Gefühle

Je mehr Zeit in das Spiel investiert wird, desto mehr unheimliche Dinge geschehen. In Kutten herumwandernde Gestalten irren durch die Korridore oder humanoide Ziegen blöken herum, um Hans währenddessen nach dem Leben zu trachten. Da Hans unbewaffnet ist, hilft bei Kontakt nur die Flucht in einen anderen Raum, unter einen Tisch oder hinter einen Vorhang. Damit Gegner rechtzeitig zu erkennen sind, hilft es mit Kerzen in den dunklen Gängen für Licht zu sorgen – andernfalls kann hinter der nächsten unbeleuchteten Ecke die letzte Überraschung im Leben von Hans warten. Ständig vom Tod und der Dunkelheit umringt, sorgt dies für ein beachtliches Gefühl der Isolation.

Trotz der Retro-Pixel-Grafik und sehr seltener Framerate-Einbrüche auf der Nintendo Switch, gelingt es The Count Lucanor so, ein mulmiges Gefühl in der Magengrube zu bescheren. Dies liegt auch an der schaurig-schönen, wenn manchmal auch etwas repetitiven Musikuntermalung, die mit düsteren Klängen dazu führt, jeden Schritt mit Bedacht auszuwählen. In puncto Steuerung ist dieser Trend ebenfalls zu bemerken, da Spielfigur Hans nicht rennen kann und somit auch die Geschwindigkeit, besonders bei der Flucht von Gegnern, das Spielgefühl merklich beeinflusst. Obwohl The Count Lucanor in unter drei Stunden durchgespielt werden kann, bietet es dank fünf verschiedener Endsequenzen genügend Potenzial, um mehrfach im Schloss des Grafen abzusteigen und andere Entscheidungen zu treffen, deren Auswirkungen zum Gruseln sind.

Geschrieben von Eric Ebelt

Fazit:

The Count Lucanor ist ein wirklich charmantes Survival-Horror-Abenteuer. Die Retro-Pixel-Grafik wird sicherlich einige Fans des Genres aufgrund einfacher Darstellungen abschrecken, doch wer sich einmal in die schaurige Spielwelt hineingedacht hat, wird sich in dem einen oder anderen Moment sicher mehr gruseln, als ihm oder ihr lieb ist. In einem Moment hat Hans beispielsweise mit einem anderen Charakter noch Käse und Wein verzehrt und in der nächsten Minute findet der Zehnjährige die Figur zerstückelt wieder. Da der Titel sämtliche Elemente, auch die Anzahl der Nicht-Spieler-Charaktere, auf ein befriedigendes Minimum herunterschraubt, bleiben derlei Ereignisse besonders in den eigenen Erinnerungen haften. Zusammen mit den schaurig-schönen Melodien und der gemütlichen Steuerung kann das Spiel so beklemmende Gefühle hervorrufen, die zum weiteren Vorankommen sogar noch motivieren. The Count Lucanor gehört nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Einfachheit zu den interessantesten Titeln des Genres. Nur im Detail hätten die Entwickler ein wenig mehr Abwechslung und sicherlich auch eine kleine Portion Action ergänzen können.