Tomb Raider Definitive Edition – TEST

Triefend vor Dreck und Blut kämpft sich Lara Croft durch den Schlamm einer unbekannten Inselküste. Was als Expedition zur Entdeckung eines verlorenen Königreichs beginnt, entwickelt sich rasch zum Albtraum. Im Überlebenskampf gegen Naturgewalten und fanatische Kultisten wächst die junge Archäologin über sich hinaus – und die Nintendo Switch 2 bringt diese packende Geschichte jetzt endlich auch in eure Hände.


Noch bevor wir die Kontrolle übernehmen, wirft Tomb Raider uns mitten ins Geschehen: Die Forschungsyacht Endurance gerät in einen verheerenden Sturm und sinkt. Lara und ihre Crew stranden auf einer mysteriösen Insel – erschöpft, getrennt voneinander und ohne Aussicht auf schnelle Rettung. In einer düsteren Ritualhöhle entkommt Lara nur knapp einem irren Kultisten und schleppt sich, verletzt und verängstigt, ins Freie. Diese ersten Spielminuten setzen den tonangebenden Auftakt: Lara Croft wird vom Opfer der Umstände zur Kämpferin, die ums nackte Überleben ringen muss.

Bald findet Lara provisorische Ausrüstung und spürt nach und nach die restlichen Crewmitglieder auf. Kurz scheint es, als gäbe es Hoffnung auf Rettung – doch die Insel entpuppt sich als tödliche Falle. Eine geheimnisvolle Sekte hält die Bewohner in ihrem Bann. Als unsere Heldin versucht, ihre Freunde zu schützen, eskaliert die Lage endgültig. Die Geschichte des Spiels bietet zwar klassische Abenteuermotive, doch durch die emotionalen Höhen und Tiefen, die Lara erlebt, wirkt sie ausgesprochen fesselnd. Das Abenteuer erzählt effektiv, wie aus der unerfahrenen jungen Frau eine abgehärtete Überlebenskünstlerin wird. Dieses 2013er-Reboot der Tomb-Raider-Reihe setzt erstmals auf einen drastisch realistischeren Ton und scheut auch vor brutalen Szenen nicht zurück – was ihm prompt eine USK-18-Einstufung einbrachte.

Die Geburt der Überlebenskünstlerin

Hinter dem ‚neuen‘ Tomb Raider steht das US-amerikanische Studio Crystal Dynamics, das der altgedienten Serie hier einen modernen Neuanfang verschaffte. Unterstützt von Eidos Montréal schufen sie ein Action-Adventure, das sich spielerisch an Genre-Kollegen wie Uncharted orientiert, aber zugleich Laras eigene Wurzeln als Archäologin neu beleuchtet. Erstmals erfahren Spielerinnen und Spieler die Ursprungsgeschichte von Lara Croft in einem Videospiel: von der naiven Archäologie-Absolventin zur kampferprobten Überlebenskämpferin.

Auch technisch markierte Tomb Raider (2013) einen Schritt nach vorn für die Reihe. Nie zuvor sahen wir Lara und ihre Welt so detailliert und dynamisch. Besonders hervor stach die im Remaster für andere Plattformen enthaltene, neue Haar-Animationstechnik TressFX, die Laras Zopf in realistischer Pracht wehen ließ. Leider müssen wir hier darauf verzichten, die Haare bewegen sich auf der Switch 2 noch wie im Original. Die dichte Dschungelumgebung der Insel Yamatai, wechselnde Wettereffekte und zahlreiche Lichteffekte sorgen jedoch für ein stimmiges Gesamtbild. Mit weltweit über elf Millionen verkauften Exemplaren avancierte der Titel nicht ohne Grund zum bis dato erfolgreichsten Tomb-Raider-Abenteuer.

Kämpfen, Klettern, Überleben

Spielerisch erwartet uns ein abwechslungsreicher Mix aus Erkundung, Klettern und Kämpfen. Anfangs folgen wir noch einem recht linearen Pfad durch den dichten Küsten-Dschungel, doch schon bald stellen wir fest, dass abseits des Weges allerlei zu entdecken ist. Überall auf der Insel finden sich optionale Herausforderungen: Versteckte Gräber belohnen uns mit cleveren Rätseln und wertvollen Erfahrungspunkten, Geocaches und Relikte liegen in entlegenen Ecken und erzählen nebenbei mehr über die Geheimnisse Yamatais. Diese Sammelobjekte und Nebenschauplätze machen die Erkundung unterhaltsam und motivieren uns, die Umgebung gründlich zu durchsuchen, statt nur der Hauptstory zu folgen.

Lara bewegt sich angenehm agil durch die Spielwelt – sie klettert Klippen hinauf, balanciert über morsches Holz und schwingt sich an Seilrutschen ins nächste Gebiet. Die Steuerung geht dabei präzise von der Hand: Springen, klettern, an Felswänden mit der Axt hängen – all das fühlt sich intuitiv an. Kommt es zum Kampf, greift Lara zunächst zum Bogen, später auch zu Pistolen, Gewehr oder Schrotflinte. Das Deckungssystem funktioniert automatisch: Sobald wir uns in Nähe einer Deckung bewegen, duckt sich Lara eigenständig. Feuergefechte spielen sich flott und brachial. Gelegentlich gibt es Quick-Time-Events in Nahkampfsituationen. In solchen Momenten müssen wir blitzschnell die eingeblendeten Tasten drücken – gelingt uns das nicht, enden die Sequenzen in teils erschreckend brutalen Sterbeszenen für Lara. Diese drastischen Animationen unterstreichen die Gefährlichkeit der Situation, sind aber definitiv nichts für zartbesaitete Gemüter. Dafür punktet das Spiel mit einem leicht zugänglichen Schwierigkeitsgrad: Wir dürfen direkt nach dem Quicktime-Ableben kurz vor der Szene erneut beginnen. Zudem gibt es reichlich Speicherpunkte und Hilfen, sodass Frust ausbleibt, ohne die Herausforderung komplett zu eliminieren.

Filmreif in Szene gesetzt

Die Inszenierung von Tomb Raider: Definitive Edition ist durchweg cineastisch. Bereits in den ersten Stunden hetzen wir von einem Höhepunkt zum nächsten: Einstürzende Höhlen, Feuergefechte in brennenden Dörfern, waghalsige Sprünge über Abgründe – viele Sequenzen fühlen sich an wie ein interaktiver Actionfilm. Dabei glänzt das Spiel mit einer gelungenen Atmosphäre: Die dichte Dschungelkulisse ist beeindruckend beleuchtet, flackernde Fackeln werfen unheimliche Schatten in alten Tempelruinen, und ein dynamisches Wettersystem lässt Sturm, Regen und Nebel bedrohlich über die Szenerie ziehen. Wir hören den Wind heulen und Äste knacken, während im Hintergrund ein stimmungsvoller Soundtrack von Komponist Jason Graves den Spannungsbogen untermalt. Dank dieser starken audiovisuellen Gestaltung können wir tief in Laras Abenteuer eintauchen.

Besonders die Vertonung verdient Lob: Die deutsche Synchronisation ist hervorragend. Schauspielerin Nora Tschirner verleiht Lara in jeder Lage die passende Emotion – von panischer Angst bis zu entschlossener Wut – und klingt dabei überraschend authentisch. Auch die Nebenfiguren wurden mit überzeugenden Stimmen besetzt, sodass Dialoge und Funksprüche glaubwürdig wirken. In hektischen Momenten feuert Lara Flüche oder Angstrufe heraus, was ihre Verzweiflung greifbar macht. Ein kleiner Wermutstropfen bei der Präsentation ist die unruhige Kameraarbeit. Um die dramatische Stimmung einzufangen, wackelt die Kamera oft merklich, selbst in ruhigeren Passagen. Zwar soll dieser Doku-Stil die Immersion erhöhen, doch gelegentlich hätten wir uns eine stabilere Kameraführung gewünscht, um die Szenerie besser genießen zu können.

Alter Glanz auf neuer Hardware

Nach über einem Jahrzehnt feiert Tomb Raider mit der Definitive Edition nun sein Nintendo-Debüt – und die von uns getestete Switch-2-Umsetzung überzeugt fast auf ganzer Linie. Entwickler Aspyr hat den Klassiker solide optimiert und alle Inhalte der ursprünglichen Definitive Edition übernommen: Sämtliche DLCs sind enthalten, von zusätzlichen Outfits bis zu Multiplayer-Karten. Selbst der Online-Mehrspielermodus für bis zu acht Personen ist ebenfalls an Bord. Im Test lief die Switch-2-Version stets flüssig. Dank der stärkeren Hardware erreicht Tomb Raider auf Switch 2 stabile 60 Bilder pro Sekunde, was das actionreiche Gameplay deutlich flüssiger macht. Grafisch entspricht die Umsetzung etwa der PS4-/Xbox-One-Version: Hochaufgelöste Texturen, dynamische Lichteffekte und Laras detailliertes Charaktermodell mit altbacken wehender Mähne lassen kaum erkennen, dass hier ein Spiel von 2013 zugrunde liegt.

Allerdings gibt es auch kleinere Schwächen in der Portierung, speziell bei der Steuerung. Die Macher nutzen die Funktionen der Switch 2 auf ungewöhnliche Weise: So reagieren etwa die Menüs auf Neigungen des Controllers – ein netter, aber nutzloser Effekt. Eine präzise Gyro-Zielsteuerung im Kampf fehlt hingegen. Stattdessen gibt es einen alternativen Zielmodus per Maussteuerung mit den Joy-Con 2. In der Praxis erweist sich das als viel zu ungenau – der Cursor reagiert so hektisch, dass präzises Zielen kaum möglich ist. Wir haben diese Option daher rasch deaktiviert und sind zur bewährten Zwei-Stick-Steuerung zurückgekehrt. Mit dem Pro Controller 2 oder den angedockten Joy-Con lässt sich Tomb Raider gewohnt präzise steuern.

Immerhin bleiben sonst kaum Wünsche offen: Ob am großen Bildschirm oder im Handheld-Modus, Lara Crofts Abenteuer sieht auf der Switch 2 gut aus und lädt zu ausgedehnten Spielsessions ein. Wer mag, kann sogar unterwegs ins Online-Gefechtsgetümmel einsteigen oder in den digitalen Extras stöbern: In der Spielbibliothek finden sich ein digitaler Comic, ein Mini-Artbook sowie die Entwickler-Dokumentation „Final Hours of Tomb Raider“ – ein willkommener Mehrwert für Fans.

Geschrieben von Arne Ruddat

Fazit:

Arne Ruddat

Ich hätte nicht gedacht, dass mich Laras Neustart von 2013 auf der Switch 2 so packen würde. Tomb Raider: Definitive Edition liefert auch heute ein intensives, filmreifes Action-Abenteuer, das mir kaum eine Atempause gönnt. Die Mischung aus Erkundung, Kletterpassagen und brachialen Kämpfen funktioniert hervorragend. Besonders Laras Entwicklung von der verängstigten Schiffbrüchigen zur entschlossenen Kämpferin reißt mich mit – unterstützt von der erstklassigen Inszenierung und dem stimmungsvollen Sounddesign. Natürlich merke ich dem Spiel sein Alter an ein paar Stellen an: Die Grafikdetails reichen nicht ganz an aktuelle Genregrößen heran und das Gameplay setzt stärker auf Quick-Time-Events, als es viele moderne Titel tun. Doch das hat meinem Spaß keinen Abbruch getan. Im Gegenteil: Ich habe mich in den zehn bis zwölf Stunden Spielzeit prächtig unterhalten und regelmäßig mit Lara mitgefiebert. Aspyrs Switch-2-Port ist weitgehend gelungen; insbesondere die stabile Performance hat mich positiv überrascht. Einzig die merkwürdige Implementierung der Steuerung hat mich verblüfft – zum Glück ist diese nur optional. Zusammengefasst kann ich Tomb Raider: Definitive Edition auf Switch 2 allen Action-Adventure-Fans wärmstens empfehlen. Wer cineastische Inszenierung und eine gute Portion Survival-Spannung mag, kommt hier voll auf seine Kosten. Allerdings solltet ihr robuste Nerven mitbringen, denn die Gewaltdarstellung ist stellenweise drastisch. Für Kinder und empfindsame Gemüter ist dieses Spiel definitiv nicht geeignet. Alle anderen bekommen mit Laras erstem Abenteuer einen modernen Klassiker, der auch zwölf Jahre nach seinem ursprünglichen Erscheinen nichts von seinem Reiz verloren hat.