Valkyria Chronicles 4 -  – TEST

Valkyria Chronicles 4 zeichnet ein ernstzunehmendes Kriegsszenario in einer malerischen Wasserfarben-Welt. Die Kontraste hören hier nicht auf – spielerisch handelt es sich nämlich um eine ausgefuchste Mischung aus Echtzeit- und Rundenstrategie. 


Der vierte Serienableger orientiert sich technisch und spielerisch direkt am ersten Teil. Allerdings ist weder Vorwissen aus diesem noch dessen Fortsetzungen vonnöten, um das Geschehen verfolgen zu können, denn der aktuelle Ableger befasst sich mit neuen Figuren im bekannten Konfliktdes Zweiten Europäischen Krieges, der in der fiktiven Welt von Valkyria Chronicles auf dem Kontinent Europa vonstattengeht. Die historischen Parallelen zu tatsächlichen vergangenen Ereignissen sind teilweise so eindeutig, dass die Story-Autoren auf eine Menge historische und regionale Begrifflichkeiten unserer Welt zurückgreifen, obwohl das Spiel klar in einer paralleldimensionsartigen Spielwelt angesiedelt ist. Interessant ist das allemal.

Ein Streit geht nur zu zweit

Zu Beginn des Spiels ist der Konflikt zwischen der Atlantischen Föderation und den osteuropäischen imperialen Invasoren schon im vollen Gange. Wir befehligen Claude Wallace, junger Oberleutnant der Truppe E, der nach seiner sprungbrettartigen Karriere auf der Militärakademie schon in seinen jungen Jahren eine bunte Truppe aus Fußsoldaten, Panzerfahrern und Technikern befehligt. Ironischerweise muss er nicht nur gegen das Imperium kämpfen, sondern hat als Befehlshaber auch einige offene Enden in seinem Team zu stopfen. Trotz Anime-Wasserfarben-Ästhetik steht im Mittelpunkt immer noch ein Krieg, dessen Auswirkungen und Schrecken auch in Valkyria Chronicles 4 thematisiert werden. Das gelingt dem Spiel mitunter dank den liebevollen Figuren, die nicht nur mit einem starken Design punkten, sondern erst nach und nach Einblicke in ihre Vergangenheit erlauben, die storytechnisch zum Tragen kommen.

Bevor Truppe E für einen Einsatz ausrückt, wählen wir aus unserem Squad unsere präferierten Einheiten und positionieren sie auf der Übersichtskarte, Anführer Claude kommandiert dabei aus seinem Panzer heraus. Hierbei ist eine gute Einheitenkombination das A und O: Die agilen Aufklärer, die durchschlagskräftigen Stoßtruppen, die Anti-Panzer-Lancier und Scharfschützen feiern ihre Rückkehr und werden durch den neuen Grenadier ergänzt. Ähnlich wie der Scharfschütze operiert auch er aus den hinteren Reihen und unterstützt das Team mit Granatenbeschuss, ist dafür aber nicht wirklich mobil und im Nahkampf nur Kanonenfutter. Wollen wir eine Einheit bewegen, wechselt das Geschehen von der statischen Übersichtskarte aus direkt ins Geschehen und erlaubt uns, die Figur in Echtzeit zu steuern. Ist der Bewegungsradius einer Figur erschöpft, können wir pro Zug eine Aktion ausführen. Greifen wir zur Waffe, zielen wir gemäß einem Third-Person-Shooter auf feindliche Soldaten oder Panzer und sehen danach ähnlich wie zum Beispiel in Mario + Rabbids: Kingdom Battle zu, wie unsere Eingaben in die Tat umgesetzt werden. Der Gegner macht in seiner Runde genau dasselbe, jedoch können Einheiten bei guter Positionierung zur Verteidigung auch in der gegnerischen Runde feuern.

Auch ein Panzer ist nur ein Mensch

Dabei kann noch eine Menge schiefgehen. Serientypisch bekannt gewinnt jede Figur durch Potentiale an Einzigartigkeit. Das sind besondere Fähigkeiten, die in bestimmten Situationen Auswirkungen auf Statuswerte haben. Manche Figuren haben beispielsweise Probleme mit Autoritätspersonen und verlieren somit in der Nähe von Anführern an Angriffskraft und Genauigkeit, während Figuren mit der Fähigkeit „Nachlässigkeit“ nach einem Kampf kostbare Munition verlegen. Positive Eigenheiten gibt es natürlich auch, Pionier Aulard ist ein eindeutiger Panzerfreak, weswegen in der Nähe solcher Fahrzeuge seine Verteidigung sprunghaft ansteigt. Zusätzlich entscheiden die persönlichen Beziehungen unter den Truppenmitgliedern über positive Effekte, sodass die Wahl unseres Einsatz-Teams stets überlegt sein sollte. Durch solchen verspielten Humor und solche Warmherzigkeit, die das Spiel über seinen visuellen Stil und seine Figuren versprüht, vergessen wir teilweise, dass im Mittelpunkt eine doch eher ernste Geschichte steht. Spielerisch sind das zwar meist nur Kleinigkeiten, sorgen aber dafür, dass wir regelmäßig gezwungen werden, unsere Strategie anzupassen. Nur wer auf die entsprechenden Gegebenheiten richtig reagiert, bringt am Ende einer Mission Claude und sein Team zurück ins Hauptquartier.

Den Fortschritt der Geschichte verfolgen wir in einem Buch, dessen Einträge für die jeweiligen Episoden stehen. Kämpfe und Spielabschnitte, in denen über Gespräche und Zwischensequenzen die Handlung vorangebracht wird, nehmen sich zeitlich nicht viel. Das bedeutet auch, dass auf den Spieler teils längere Textabschnitte warten, die jedoch fast alle auf Englisch sowie Japanisch (als kostenloser Download-Inhalt) vertont sind und zum ersten Mal in der Reihe mit deutschen Untertiteln unterstützt werden, die allerdings teils holprig lokalisiert wurden. Die Buchstruktur bringt den Nachteil mit sich, dass wir nach jeder kleinen Unterhaltung wieder im Menü landen, um den nächsten Eintrag auszuwählen. Das bedeutet, dieselben Musikstücke werden recht häufig von Anfang an abgespielt. Das trübt den phänomenalen Soundtrack nur ein wenig, diesen dürften Spieler der Reihe allerdings sehr gut wiedererkennen.

Zittern an der Ostfront

Über die Anzahl an Zügen, die wir pro Runde tätigen dürfen, entscheiden Kommandopunkte, die sich für uns und den Gegner pro Runde automatisch regenerieren. Wir können auch mehrere dieser Punkte in eine Einheit investieren und sie somit weiter über das Schlachtfeld bewegen, ihr Bewegungsradius nimmt dabei aber pro Runde ab, sodass wir dazu animiert werden, alle Figuren zu nutzen und geschickt auf der Karte zu positionieren.

Valkyria Chronicles 4 macht es auch für Genre-Einsteiger sehr leicht, den Überblick über alle Spielsysteme zu behalten, das Meiste ist selbsterklärend. Auch der Schwierigkeitsgrad läuft flach an, was der künstlichen Intelligenz geschuldet ist. Die stellt sich nicht immer ganz so schlau an, wie wir es von den überlegenen Imperialen Truppen erwarten würden. Diese werden nicht müde, Soldaten reihenweise in einen unnötigen Tod zu schicken. Der Schwierigkeitsgrad steigt in den letzten Missionen der rund dreißigstündigen Kampagne an, das liegt aber eher an der Gegnermasse und dem Vorteil der überlegenen Positionierung durch die Game-Designer. Spaß machen die Herausforderungen trotzdem immer. Nicht ganz unschuldig daran ist die regelmäßige Etablierung sinnvoller und hilfreicher neuer Gameplay-Optionen und -Herausforderungen, die Valkyria Chronicles 4 auch noch nach zwanzig Stunden Spielzeit einführt. Fast jede Mission stellt neue spielerische Ideen in den Mittelpunkt, ab der zweiten Story-Hälfte ändern sich die Spielumgebungen dazu nochmal deutlich. Das ändert nichts daran, dass wir die Runden stets so effizient wie möglich abschließen wollen, um eine gute Bewertung und höhere Belohnungen in Form von Geld und Erfahrungspunkten zu erhalten.

Anime-Wettrüsten

Diese Ressourcen sind im Hauptquartier am besten investiert. Dort werden neue Ausrüstungen erworben, Soldatenklassen verbessert und unsere Panzer gepflegt. Außerdem haben wir Zugriff auf einen sehr umfangreichen Glossar mit zahllosen Beschreibungen von Figuren und Inhalten der Spielwelt. Die Nintendo-Switch-Version läuft sowohl im Fernseher- wie auch im Handheld-Modus sehr sauber, hat im Gegensatz zu den Versionen anderer Plattformen nur seltene Ruckler, die nach rechnungsintensiven Aktionen auftreten. Der Titel ist darüber hinaus dank augenfreundlicher Schrift- und Menügröße sehr angenehm mobil spielbar. Die Anordnung und Struktur mancher Untermenüs sind leider etwas verschachtelt. Fans der Reihe wird das und vieles andere mehr als nur flüchtig bekannt vorkommen. Diese werden die kleinen Verbesserungen und die neuen Gameplay-Ideen allerdings zu schätzen wissen, womit der Titel für Kenner ebenso wie für Genre-Frischlinge hervorragend funktioniert.

Geschrieben von Jonas Maier

Fazit:

 

Aus Valkyria Chronicles 4 wurde ein außerordentlich guter und sympathischer Echtzeit-Runden-Strategie-Hybrid mit rundum gelungenem Gameplay. Dem zugrunde liegt natürlich die starke Orientierung am ersten Teil, die spielerisch, visuell und musikalisch nicht von der Hand zu weisen ist. Trotzdem bietet Valkyria Chronicles 4 eine Menge neuer Features, die sinnvoll in das Anime-Kriegsszenario eingebettet sind. Besonders gut gefällt mir die Vielfalt an Persönlichkeiten, die ich in meinem Squad wiederfinde. Zwar kommt die Nintendo-Switch-Fassung ab und an etwas ins Schwitzen, dafür ist der Titel auch prima unterwegs genießbar. Dank dem gemütlichen Einstieg ist das Spiel sowohl für Strategie-Frischlinge genauso gut geeignet, wie für Fans des Genres, die an der frischen Mischung aus Echtzeit- und Rundentaktik auf jeden Fall eine Menge Spaß haben werden.