Wild Guns Reloaded -  – TEST

Im Jahr 1994 erblickte in Japan der Shooting-Gallery-Titel Wild Guns auf dem Super Nintendo respektive dem Super Famicom das Licht der Welt. 2016 überholte Publisher Natsume den Titel als Reloaded-Variante und veröffentlichte das Spiel 2018 auch noch für die Switch.


Obwohl Wild Guns Reloaded mit einem aus allen erdenklichen Western-, Steampunk und Science-Fiction-Elementen bestehenden Setting theoretisch reichlich Spielraum für eine interessante und spannende Handlung bieten würde, füllt das Spiel diese Lücke niemals aus und schickt den Spieler direkt in eine Action-Einlage nach der anderen. Das war im Original auf dem Super Nintendo zwar nicht anders, doch im Jahr 2018 kann von einer überarbeiteten Fassung eines Klassikers dennoch mehr erwartet werden. Wenigstens ein paar Hintergrundinformationen zu den vier spielbaren Charakteren und ihren Intentionen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, hätten hier wahre Wunder bewirkt.

So müssen nach wie vor ein paar lose Anmerkungen aus der ursprünglichen Spielanleitung der Super-Nintendo-Fassung zum Verständnis reichen: Annies Familie wurde von der bösen Kid-Bande ausgelöscht und schwört Rache. Um die Banditen ins Nirwana zu schicken, erhält sie Unterstützung von Kopfgeldjäger Clint. In sechs aufeinanderfolgende Levels, von denen bis auf den Prolog und das letzte Gefecht auch die Reihenfolge frei bestimmt werden darf, gilt es die Bande Stück für Stück auszuradieren. Das funktioniert fast nahezu identisch wie noch in den 1990er Jahren auf der 16-Bit-Konsole, bietet in der Reloaded-Ausgabe aber dennoch ein paar neue Funktionen.

Doppel-D: Dackel und Doris

Am auffälligsten dürfte wohl sein, dass es neben Annie und Clint zwei weitere Charaktere gibt, die in den Schießereien mitmischen wollen und sich wesentlich anders spielen als die beiden ursprünglichen Protagonisten. Zum einen wäre da die übergewichtige Doris, die mit Sprengstoff auf die Gegner losgeht, anstatt wie Annie und Clint mit Revolvern herumzuballern. Ihre Angriffe sind wesentlich stärker und richten entsprechend mehr Schaden bei den Gegnern an – dafür wird allerdings ein langsameres Spieltempo in Kauf genommen, was das Ausweichen von gegnerischen Attacken erschwert. Zum anderen taucht in Wild Guns Reloaded auch der kleine Dackel Bullet auf.

Wer jetzt eine tollwütige Bestie erwartet, mit denen im Nahkampf Cowboys zerfetzt und Roboter in ihre Einzelteile zerlegt werden können, wird vermutlich ein wenig enttäuscht. Stattdessen fliegt um das Hündchen eine Drohne herum, die der Dackel quasi befiehlt und die Gegner für ihn aufs Korn nimmt. In einem kleinen Radius wird die anvisierte Stelle jeden Feind treffen, der sich hineinbewegt. Der Nachteil an dieser angenehmen Spielvariante ist jedoch, dass nicht nur der Vierbeiner, sondern auch die Drohne von den Gegnern getroffen werden kann. Wird die Drohne beschädigt, kann kurzzeitig kein Angriff ausgeführt werden, womit sich in puncto Balance auch dieser Vorteil gut relativiert.

Chaos im erweiterten Mehrspielermodus

Durch die zwei neuen Charaktere bietet Wild Guns Reloaded auch einen erweiterten Mehrspielermodus, sodass nicht nur zwei, sondern gleich vier Spieler gleichzeitig auf dem Bildschirm herumballern dürfen. Leichter wird das Spiel dadurch jedoch nicht, da sich die ganze Gruppe auf der einen Seite einen gemeinsamen Vorrat an weiteren Versuchen teilt und auf der anderen Seite auch so schon genügend Chaos, bestehend aus herumfliegenden Projektilen und herumlaufenden Schießbudenfiguren im Hintergrund, auf dem Bildschirm zu sehen ist. Wer sich mit seinen Kumpanen nicht abspricht, Messerattacken auszuführen, mit dem Lasso Gegner in der Ferne zu betäuben und anschließend zu beschießen, geworfene Dynamitstangen zurückzuwerfen und feindlichen Projektilen auszuweichen, kann schnell den Zorn seiner Mitspieler auf sich ziehen.

Um noch mehr gefordert zu werden, stehen weitere (freischaltbare) Schwierigkeitsgrade zur Verfügung. Unverständlich ist jedoch, warum sich die Entwickler nicht dazu entschieden haben, den zweiten Stick der Steuerungseinheiten zumindest im Einzelspielermodus zu unterstützen. So werden Fadenkreuz und Spielfigur nach wie vor gleichzeitig kontrolliert, was zwar grundsätzlich wie auf dem Super Nintendo gut funktioniert, aber vor allem in brenzligen Situationen für Frust oder nervenaufreibende Verlängerungen sorgt.

Gestrandet in den 1990er Jahren

Dies mag mitunter daran liegen, dass der Bildschirmausschnitt nun wesentlich größer als auf dem Super Nintendo ausfällt. Während auf damaligen Röhrenfernsehgeräten mit dem Bildformat in 4:3 gekämpft werden musste, laufen alle Schießereien in Wild Guns Reloaded natürlich in 16:9 ab, sodass nahezu alle modernen HD-Fernsehgeräte und selbstverständlich der kleine Bildschirm der Nintendo Switch vollständig ausgefüllt werden. Optisch hat sich jedoch nur sehr wenig getan, denn an allen Ecken und Enden sind die 16-Bit-Grafiken des ursprünglichen Spiels noch deutlich zu erkennen. Anpassungen finden sich hier tatsächlich nur im Detail – beispielsweise wuschelt das Fell von Bullet bei Bewegungen wesentlich mehr, als es auf einer Konsole aus den frühen 1990er Jahren der Fall gewesen wäre.

In puncto Musikuntermalung bietet der Titel den gleichen Soundtrack des Originals, wurde für die Reloaded-Ausgabe jedoch ordentlich aufgebohrt. Adrenalingeladene Soundtracks mit Ohrwurmcharakter sorgen dafür, dass die Western-Action niemals langweilig wird. Langeweile kommt aber ohnehin nur selten auf, da alle sechs Levels unterschiedliche Charakteristika aufweisen und mit abwechslungsreichen Gegnertypen gefüllt sind. Unterm Strich nutzt Wild Guns Reloaded nicht alle (technischen) Möglichkeiten aus, sodass das Spiel vor allem Kenner des Originals anspricht.

Geschrieben von Eric Ebelt

Fazit:

Mit der Neuauflage von Wild Guns geht Publisher Natsume kein großes Wagnis ein. Obwohl es sich bei Wild Guns Reloaded vermuten lässt, dass es sich um eine an heutige Maßstäbe angepasste Variante des Klassikers handelt, beschränken sich die Änderungen auf eine Handvoll Überarbeitungen. So lässt sich der Titel jetzt – trotz des dadurch ansteigenden Chaos auf dem Bildschirm – zu viert spielen und auch die zwei neuen Spielfiguren, die maßgeblich für den Mehrspielermodus sind, bringen Abwechslung ins Spiel. Optisch und akustisch bleibt fast alles auf dem Stand der Super-Nintendo-Version, mit dem Unterschied, dass die aufgebohrte Musik ein klein wenig mehr zum Mitsummen anregt und der Bildschirmausschnitt größer ausfällt. Ein wesentliches Manko der Reloaded-Ausgabe ist, dass der zweite Stick der Steuerungseinheiten auf der Switch nicht angesprochen wird – als Twin-Stick-Shooter würde der Shooter-Gallery-Titel im Jahr 2018 noch wesentlich besser funktionieren (und dem Original vielleicht ein klein wenig den Charme rauben). Kenner des Super-Nintendo-Spiels werden sich sofort heimisch fühlen und jeder Fan des Genres, der dem Titel eine Chance gibt, wird trotz des „Mankos“ sehr viel Spaß haben.