Formula Legends – TEST
Knuddelige Mini-Rennwagen rasen durch sieben Jahrzehnte Rennsportgeschichte. Formula Legends bringt legendäre Strecken und ikonische Boliden im Wandel der Zeit auf die Switch. Launige Regenrennen, Boxenstopp-Minispiele und fantasievolle Anspielungen auf reale Legenden bieten viel Abwechslung – doch kann dieser Low-Budget-Racer auch spielerisch überzeugen?
Hinter dem Spiel steckt das italienische Studio 3DClouds, das Formula Legends am 18. September 2025 veröffentlicht hat. Zuvor machte sich das Team vor allem mit kunterbunten Fun-Racern wie All-Star Fruit Racing einen Namen. Diesmal richtet es sich klar an Fans des echten Motorsports im Retro-Format. Eine teure offizielle Formel-1-Lizenz gibt es hier zwar nicht, doch auch ohne Originalnamen versprüht das Spiel jede Menge Rennsport-Nostalgie. Es umfasst sieben Jahrzehnte der Formel-1-Geschichte von den 60ern bis heute. Über 30 stilisierte Wagen mit mehr als 60 fiktiven Fahrern sowie 14 Rennstrecken stehen im Karriereverlauf zur Verfügung. Angesichts dieses Umfangs erscheint der Budget-Preis von rund zwanzig Euro sehr fair. Die Entwickler zeigen offensichtlich viel Liebe fürs Detail – und beweisen Sinn für Humor: Bei Kunstnamen wie Batteri Voltas im Team Merkseds oder Bastien Kettel im Custom-Motors-Rennstall müssen Formel-1-Fans unweigerlich schmunzeln.

Sieben Jahrzehnte Motorsport
Im zentralen Story-Modus durchlaufen wir verschiedene Ären der Königsklasse. Jede Dekade bringt ihre eigenen Events mit sich, orientiert an historischen Rennsaisons. Nach und nach schalten wir neue Boliden frei, die den typischen Stil ihrer Epoche einfangen – von zigarrenförmigen Boliden der 60er über die kantigen Heckspoiler der 90er bis zu hypermodernen Hybrid-Monoposti. Das motivierende Freischaltsystem belohnt nahezu jede Zielankunft mit Punkten und schaltet bei bestimmten Meilensteinen zusätzliche Fahrzeuge oder Fahrer frei. Allerdings wird die „Story“ nur über minimale Texttafeln zwischen den Rennen erzählt; eine richtige Handlung dürft ihr nicht erwarten. Neben der Karriere stehen ein klassischer Zeitfahrmodus und ein freier Grand-Prix-Modus zur Verfügung. Letzterer erlaubt es, eigene Rennserien mit frei wählbaren Strecken und Regeln zu erstellen. Einen Mehrspieler-Modus gibt es hingegen nicht – abgesehen von weltweiten Online-Bestenlisten, die höchstens besonders ehrgeizigen Fahrerinnen und Fahrern genügen dürften.

Auch wenn sich Formula Legends spielmechanisch klar an Arcade-Racer anlehnt, fahren wir hier letztlich Formelwagen der höchsten Rennklasse. Das spüren wir bei jeder Kurve: Trotz vereinfachter Steuerung verzeiht das Spiel kaum Fehler. Oft entscheiden am Ende wenige Sekunden über Sieg oder Niederlage. Bereits kleine Ausrutscher können den Rennverlauf drastisch beeinträchtigen – ganz wie im echten Leben. Formula Legends bietet inzwischen, nach vielen Patches, ein deutlich breiteres Spektrum an Schwierigkeitsgraden. Neben Leicht, Normal und Schwer steht nun auch ein Sehr leichter Modus zur Verfügung, der das Spiel tatsächlich angenehm zugänglich macht. Hier verzeiht die KI Fehler großzügig, und selbst ungeübte Fahrerinnen und Fahrer können entspannt durchs Feld pflügen. Auf Normal bleibt der Anspruch spürbar, während Schwer weiterhin jede Ungenauigkeit gnadenlos bestraft. So findet heute wirklich jede Erfahrungsstufe einen passenden Einstieg.
Darstellungseigenarten
Während zum Release noch einige Probleme plagten, wirkt die Darstellung der kleinen Rennwagen inzwischen, mit den neuesten Patches, deutlich stimmiger. Die Boliden liegen sauber auf dem Asphalt, Schatten und Bodenkontakt greifen plausibel ineinander und vermitteln ein geschlossenes Bild. Ein klassisches Schadensmodell oder fliegende Fahrzeugteile gibt es zwar weiterhin nicht – ein mögliches Update wurde vom Entwickler allerdings in Aussicht gestellt –, doch das visuelle Gesamtbild fühlt sich nun konsistent und ausgereift an. Rempler haben nachvollziehbare Auswirkungen auf Tempo und Linie, ohne den Spielfluss zu zerreißen.

In engen Schikanen reagieren die Mini-Boliden gewichtig träge und wirken mitunter, als hätten sie etwas Eingabeverzögerung, was an der Fahrphysik liegen mag. Wer an klassische Rennspiele der 90er-Jahre denkt, fühlt sich daran erinnert. So sorgt Formula Legends mit seinen verkürzten Rennen, dynamischen Boxenstopps und einsteigerfreundlichen Fahrhilfen wie ABS oder Traktionskontrolle für Kurzweil. Apropos Boxenstopp: Beim Reifenwechsel erwartet uns ein kleines Quick-Time-Minispiel – wer die eingeblendeten Buttons schnell drückt und die Analog-Sticks im richtigen Moment klickt, kommt zügiger zurück auf die Piste. Solche Einlagen überraschen beim ersten Mal, fügen sich aber stimmig ins Gameplay ein. Zudem gilt es bei jedem Stopp, basierend auf Wetter und Rennlänge, die passenden Reifen zu wählen. Hier zahlt sich Formel-1-Wissen aus, denn mit der falschen Wahl verliert ihr schnell an Boden.
Inszenierung mit Herz
Während das Gameplay also durchaus fordernd sein kann, bleibt die Aufmachung betont niedlich. Formula Legends setzt auf einen charmanten Chibi-Look: Die Rennwagen und Fahrerhelme wurden verniedlicht und erinnern an Spielzeugmodelle. Trotz der comicartigen Proportionen stecken erstaunlich viele Details in den Modellen. Bei den historischen Fahrzeugen schauen Motorblöcke und Getriebe offen heraus, während die modernen Wagen mit futuristischen Flügeln und dem humorvoll umbenannten WRS (Wind Reduction System) ausgestattet sind – eine klare Anspielung auf das DRS der realen Formel 1. Im Showcase-Modus können wir jedes Auto außerhalb der Rennen in aller Ruhe betrachten. Auch die Strecken strotzen vor liebevollen Details. Insgesamt 14 Kurse sind an berühmte Rennstrecken aus aller Welt angelehnt, etwa Monte Carlo, Monza oder der Nürburgring, auch wenn die Namen frei erfunden wurden.

Ein feines Detail hierbei: Die Pisten durchlaufen im Karriereverlauf sichtbare Veränderungen. In den 60er-Jahren fehlen an vielen Stellen Sicherheitszäune und Randsteine, während Jahrzehnte später Auslaufzonen, Boxenanlagen und Schikanen modernisiert wurden. So wird greifbar, wie sich die Rennstrecken im Laufe der Zeit verändert haben. Die legendäre Schwarzwald-Nordschleife, einst nicht umsonst „Grüne Hölle“ genannt, hat in den 90ern ein viel gefährlicheres Layout als in ihrer heutigen Version – solche Unterschiede erlebt ihr im Spiel aus erster Hand. Das verleiht Formula Legends enorm viel Atmosphäre und Bildungswert für Rennsport-Fans. In jeder Nostalgie-Epoche findet ihr die passende Ästhetik: Wenn ihr etwa die bauchigen Boliden der 70er mit ihren freistehenden Auspuffrohren oder die knallbunten Sponsoren der frühen 2000er vermisst, hier könnt ihr sie alle wiedersehen. Auch hier zeigt sich, dass 3DClouds das Spiel nach dem Release weiter pflegt und bestehende Strecken mit Updates sichtbar verbessert und verfeinert hat.

Gelungene Darstellung
Neben der Streckenarchitektur tragen Wettereffekte zur Inszenierung bei. Einige Rennen finden im strömenden Regen statt, was für schicke Wasserspiegelungen und Gischtwolken sorgt. Anders als noch zum Release bleibt das Nass inzwischen nicht mehr nur Kulisse: Nasse Strecken beeinflussen Grip und Reifenverschleiß spürbar, und falsche Entscheidungen bei der Reifenwahl können nun echte Konsequenzen haben. Das bleibt zwar klar im Arcade-Rahmen, verleiht den Rennen aber zusätzliche Spannung und taktische Tiefe. Akustisch setzt Formula Legends auf zweckmäßigen Sound: Die Motoren der älteren Semester brüllen kehlig, moderne Aggregate summen hochfrequent, und der Soundtrack dudelt im Hintergrund mit unaufdringlichen Melodien. Hier hätten etwas packendere Themes oder authentischere Motorsounds noch mehr Stimmung erzeugen können.

Dafür punktet das Spiel wieder mit seinen augenzwinkernden Referenzen. Wir raten oft, welches legendäre Team oder welcher Fahrer gerade parodiert wird. Namen wie Hans Troll oder Luis Hammerston lassen Kenner sofort die realen Vorbilder erkennen. Diese humorvollen Details zeigen, dass im Entwicklerteam echte Kenner am Werk waren. Überhaupt fühlt sich Formula Legends eher wie eine spielbare Hommage an die Formel-1-Historie an als ein moderner Fun-Racer. Wer die klassischen F1-World-Grand-Prix-Spiele aus den Neunzigern mochte, wird sich in diesem Spiel sofort heimisch fühlen. Verschiedene Kamera-Perspektiven – von der Verfolger- bis zur Dachkamera – lassen uns zudem auswählen, wie wir das Renngeschehen am liebsten erleben.
Technik auf der Switch
So viel Herz und Nostalgie in Präsentation und Konzept stecken, so deutlich zeigt sich inzwischen auch, wie konsequent 3DClouds das Spiel nach dem Release weiterentwickelt hat. Die Switch-Version läuft heute stabil und frei von den gröberen technischen Problemen, die zum Start noch auffielen. Grafikfehler, Sound-Aussetzer, fehlerhafte Einblendungen und merkwürdige Rennabbrüche gehören der Vergangenheit an – Formula Legends fühlt sich nun wie ein rundes, gepflegtes Produkt an.

Ganz perfekt ist die Technik dennoch nicht: In zuschauerreichen Abschnitten oder bei dichtem Renngeschehen zeigt sich gelegentlich ein leicht unruhiges Framepacing. Die Bildrate bleibt dabei meist hoch, doch die Abfolge der Einzelbilder wirkt manchmal minimal ungleichmäßig, was ein sanftes Stottern erzeugt. Das ist selten spielentscheidend, aber spürbar. Abseits davon präsentiert sich die Switch-Fassung heute jedoch sauber, zuverlässig und frei von störenden Bugs. Wer das Spiel jetzt startet, bekommt eine stabile Umsetzung, die dem Charme und der Idee von Formula Legends gerecht wird.
Geschrieben von Arne Ruddat
Fazit:
Ich spüre heute deutlicher denn je, wie viel Verständnis, Herzblut und Liebe zum Detail in Formula Legends stecken. Was zum Release noch unfertig wirkte, ist durch die konsequente Nachpflege zu einem runden, stimmigen Spiel gereift, das seine Idee nun voll ausspielt. Der Budget-Preis passt perfekt: Hier erwartet niemand eine Hochglanz-Simulation, sondern eine spielbare Hommage an sieben Jahrzehnte Formel-1-Geschichte – und genau das liefert Formula Legends inzwischen überzeugend. Ich habe inzwischen echten Spaß mit dem Spiel, fahre „nur noch ein Rennen“ und bleibe dann doch länger hängen. Als jemand, der Archivaufnahmen der ersten Grand Prix liebt, die Duelle der Neunziger im Kopf hat und sich an Überholmanövern eines Kimi Räikkönen in Monaco erinnert, fühle ich mich hier genau richtig abgeholt. Gleichzeitig brauche ich keine knallharte Simulation, sondern ein zugängliches, charmantes Rennspiel mit Charakter. Genau das ist Formula Legends heute: eine warmherzige Zeitreise für Motorsportfans, die fahren, nicht studieren wollen – und die ich auf der Switch nun mit gutem Gewissen empfehlen kann.








