Xenoblade Chronicles: Definitive Edition – Nintendo Switch 2 Edition – TEST
Nicht das erste Xeno-Spiel aus dem Hause Monolith Soft, aber der Auftakt der Xenoblade-Chronicles-Reihe, und nach sechzehn Jahren trägt Shulks Erstling bereits eine schöne Patina. Xenoblade Chronicles: Definitive Edition – Nintendo Switch 2 Edition hievt das Abenteuer auf die neue Konsole und legt einen rasanten Äther-Jet, durchgängige sechzig Bilder pro Sekunde und frisch vertonte Harmoniegespräche obendrauf. Gerade Serienneulingen sei dieser Teil ans Herz gelegt, denn behutsamer erklärt kaum ein Rollenspiel seine Welt.
Mit Xenoblade Chronicles eröffnete das Studio Monolith Soft im Jahr 2010 auf der Wii eine der eigenwilligsten Rollenspiel-Sagas Nintendos, lange nach den geistigen Vorfahren Xenogears und Xenosaga. Zehn Jahre später erschien die rundum aufpolierte Definitive Edition für die erste Switch, und nun reicht Nintendo die Fassung für die neue Konsole nach. Xenoblade Chronicles: Definitive Edition – Nintendo Switch 2 Edition hievt Shulks Reise in 4K und mit doppelter Bildrate auf die Switch 2 und packt eine Handvoll frischer Inhalte obendrauf. Besitzerinnen und Besitzer der Switch-Version rüsten bequem per Upgrade Pack auf; alle anderen steigen mit der Komplettfassung ein. Über die vergangenen Wochen haben wir die riesige Welt auf dem Rücken der Titanen ausgiebig durchstreift.

Auf den Leibern zweier Titanen
Alles beginnt mit einem Urkonflikt. Vor Urzeiten rangen die beiden Titanen Bionis und Mechonis miteinander, der eine ein Koloss aus Fleisch und Leben, der andere eine Maschine aus kaltem Stahl. Keiner von beiden gewann, beide erstarrten mitten im Schlag und wurden selbst zur Landschaft. Auf den versteinerten Überresten des Bionis siedeln heute die menschenähnlichen Homs, während ihnen die seelenlosen Mechon vom Mechonis unablässig das Leben schwer machen. Mitten in diesen Dauerkrieg stolpert der junge Shulk, der ein ganz besonderes Schwert führt: das Monado, eine leuchtend rote Klinge, die den Maschinen wirklich gefährlich wird und ihrem Träger flüchtige Blicke in die Zukunft schenkt. Aus dieser Prämisse schält sich nach und nach ein erstaunlich kluges Abenteuer.

Vom ersten Schritt an nimmt uns das Spiel behutsam an die Hand und erklärt jede neue Mechanik in aller Ruhe, ehe es uns von der Leine lässt. Die Erzählung gibt sich zunächst harmlos und beinahe unscheinbar, gewinnt mit jeder Stunde aber an Wucht, bis sie uns Wendungen serviert, die wir an dieser Stelle für niemanden verderben wollen. Genau dieser sanfte Aufbau macht den Erstling zum idealen Tor in die Saga, denn Vorwissen aus den früheren Xeno-Spielen braucht hier niemand. Fans von Final Fantasy oder Dragon Quest erkennen vertraute Genre-Muster, treffen hier aber auf einen ganz eigenen Klang.
Kämpfen will positioniert sein
Im Kampf zeigt sich rasch die Handschrift der Reihe. Sobald ein Gegner in Reichweite gerät, und wir ihn angreifen, oder er uns, dreschen unsere Figuren von allein auf ihn ein. Ganz ähnlich wie in Final Fantasy XII oder einem klassischen Online-Rollenspiel. Den eigentlichen Unterschied machen wir selbst, und zwar über zwei Stellschrauben: die Positionierung auf dem Schlachtfeld und die Techniken in der Kampfleiste am unteren Bildschirmrand. Jede Technik lädt sich mit der Zeit auf, will im richtigen Augenblick gezündet werden und entfaltet aus dem Rücken oder der Flanke des Gegners oft die größte Wirkung. Aus diesem Zusammenspiel entsteht ein Kampfsystem, das uns fordert, ohne uns mit Knöpfen zu überschütten.

Wie unterschiedlich sich die einzelnen Heldinnen und Helden anfühlen, überrascht dann doch. Während Shulk mit dem Monado drohenden Schaden abwendet, heilt eine Gefährtin aus der Distanz, ein anderer Mitstreiter lockt die Wut der Gegner bewusst auf sich. Ihr volles Potenzial entfaltet die Truppe aber erst im Zusammenspiel: Zuerst brechen wir einen Gegner, dann werfen wir ihn um und betäuben ihn, sodass er gar nicht zum Gegenschlag kommt. Je weiter wir vordringen, desto breiter fächert sich die Auswahl an Fähigkeiten und Aufstellungen auf, mit denen wir unsere Truppe nach eigenem Geschmack zuschneiden. Wer gern tüftelt und optimiert, findet hier eine erstaunlich tiefe Spielwiese; wer einfach drauflosspielt, kommt mit etwas Fingerspitzengefühl ebenfalls ans Ziel.

Nebenquests ohne lästigen Rückweg
Nebenquests gibt es zuhauf, denn das Spiel wirft uns im Laufe der Stunden eine schiere Masse davon zu. Auf der Karte mit einem Ausrufezeichen markiert, sammeln wir sie bei den Bewohnern ein oder bekommen sie unterwegs ganz automatisch zugesteckt. Vor allem Sammelaufträge aller Art prasseln nur so auf uns ein. Eine davon dürfen wir jederzeit als Ziel anheften und sehen prompt eine Wegführung über die Karte, sofern überhaupt ein fester Ort dahintersteckt. Dass diese Aufträge selten über schlichtes Holen und Bringen hinauswachsen und ihr Alter durchaus spüren lassen, verzeihen wir dem Spiel schnell, denn dafür wartet ein Komfort, der seinesgleichen sucht.

Sobald wir eine Sammelquest erfüllt haben, gilt sie nämlich sofort als abgeschlossen, ganz ohne Marsch zurück zum Auftraggeber. Kein umständliches Abgeben, kein Abhaken, kein langer Rückweg quer über die halbe Weltkarte. Davon dürften sich so manche Aufgabenschleudern unter den Rollenspielen ruhig eine dicke Scheibe abschneiden. Ähnlich entspannt gibt sich die offene Welt beim Thema Stärke: Schon unweit des Startgebiets stapfen Kreaturen umher, deren Stufe gut siebzig Ränge über unserer eigenen liegt, doch solange wir gebührend Abstand halten und sie nicht reizen, lassen uns die Riesen seelenruhig ziehen.
Je stärker wir selbst werden, desto mehr dreht sich der Spieß um. Schwächere Gegner, die uns längst keine Erfahrung mehr einbringen, verlieren still ihre Markierung und stehen nur noch als Staffage in der Landschaft herum. So bleibt unser Blick stets frei für die Begegnungen, die sich wirklich lohnen, und für die zahllosen Geheimnisse, die Monolith Soft in jeden Winkel dieser Welt gestreut hat. Belohnt wird das Erkunden ohnehin fast ständig, sei es mit versteckter Ausrüstung, raren Materialien oder einem schlicht atemberaubenden Ausblick über die Schulter eines Titanen. Über die reine Hauptgeschichte sind wir gut fünfzig bis siebzig Stunden beschäftigt; wer sich auf all die Nebenaufgaben und obendrein das Erweiterungskapitel Xenoblade Chronicles: Die Verbundene Zukunft einlässt, knackt mühelos die Hundert-Stunden-Marke.
Mit dem Äther-Jet über den Bionis
Für frischen Wind sorgt in der Switch-2-Fassung vor allem der Äther-Jet, ein flottes Gleitfahrzeug, das wir ab dem vierten Kapitel über die Mission „Revolutionäres Dingsibums“ freischalten. Mit ihm rauschen wir über die mächtigen Beine, Rücken und Schultern der Titanen, die zu Fuß zuvor noch endlos weit wirkten, und kürzen quälend lange Wege auf einen Schlag ab. Das Gefährt bleibt nicht aufs Hauptabenteuer beschränkt, sondern trägt uns ebenso durch das Erweiterungskapitel Xenoblade Chronicles: Die Verbundene Zukunft. Einmal zu Fuß durch diese ausladende Welt gestapft, begreifen wir sofort, was für ein Geschenk dieses Tempo bedeutet.
Monolith Soft baut rund um den Äther-Jet den Nopon-Grand-Prix auf, eine kleine Rennserie aus Punkterennen und Wettrennen. Treten wir dort an, fahren wir Belohnungen ein und schalten für jedes Gruppenmitglied neue Ausrüstung frei. Den größten Sprung aber macht schlicht das Tempo des gesamten Spiels: Statt der zähen dreißig Bilder pro Sekunde der Switch-Fassung läuft jetzt alles mit angepeilten sechzig, was die Kämpfe spürbar knackiger und das Erkunden gleich eine ganze Spur geschmeidiger geraten lässt. Mehr als jede gestiegene Auflösung verändert dieser Tempo-Sprung das gesamte Spielgefühl.

Kritik gibt es dennoch, wenn auch auf hohem Niveau. Im Handheld-Modus wirkt das Bild stellenweise weich, und wenn wir mit dem Äther-Jet über das Land pflügen, kommt die Schärfe nicht immer ganz hinterher; auch die sechzig Bilder hält das Spiel nicht in jeder einzelnen Szene bombenfest. Vereinzelt geraten Kameraschwenks in dichteren Gebieten kurz ins Stocken, ein echter Stolperstein wird daraus aber nie. Angenehm kurz fallen dafür die Ladezeiten aus und liegen mal gleichauf mit der Switch-Fassung, mal sogar darunter. Gemessen am enormen Gewinn an Flüssigkeit fällt das alles kaum ins Gewicht, zumal das Abenteuer auf dem Fernseher in 4K eine richtig gute Figur macht. Spielspaß kostet uns das an keiner einzigen Stelle.
Frisch vertont und prächtig untermalt
Zu den schönsten Neuerungen zählen die nun voll vertonten Harmoniegespräche, jene kleinen Zwiegespräche, in denen sich die Gruppenmitglieder zwischen den Kämpfen näherkommen. In der Switch-Fassung blieben diese Szenen noch weitgehend stumm, jetzt bekommen sie endlich eine Stimme und rücken uns die Truppe spürbar näher ans Herz. Englisch oder Japanisch dürfen wir frei wählen, und selbst wer keine der beiden Sprachen versteht, hört den Figuren ihre Gefühlslage sofort an: Die japanische Spur trägt die Emotionen anders als die englische, beide auf ihre Weise stimmig. Die deutschen Untertitel leisten dabei treue Dienste und lassen uns keiner einzigen Nuance hinterhertrauern.

Musikalisch verwöhnt uns Monolith Soft mit einer Wahlfreiheit, die viele Neuauflagen schmerzlich vermissen lassen. Für Erkundung und Kampf entscheiden wir jeweils getrennt, ob das vielfach gefeierte Original aus dem Jahr 2010 oder die neu eingespielte, satter arrangierte Fassung erklingen soll. Beide Varianten sind über jeden Zweifel erhaben, kein einziges Stück fällt spürbar ab, und gerade die treibenden Kampfthemen jagen uns noch immer einen wohligen Schauer über den Rücken. Selten ließ sich liebgewonnene Nostalgie so bequem gegen frischen Orchesterglanz tauschen, ganz nach Tageslaune und Szene.
Geschrieben von Arne Ruddat
Fazit:
Rollenspiele sind meine große Leidenschaft, und anders als viele andere stürze ich mich liebend gern in jede noch so ausufernde Nebenquest. Umso mehr hat mich überrascht, wie sehr ich das automatische Abschließen der Sammelaufträge ins Herz geschlossen habe: Eine erfüllte Quest gilt hier sofort als erledigt, ganz ohne lästigen Rückweg zum Auftraggeber. Selbst als bekennender Quest-Sammler genieße ich es, einfach weiterzuziehen, statt schon Erledigtes noch einmal abzuhaken. Xenoblade Chronicles habe ich vor diesem Test nie gespielt, und gerade als Neuling hat mich die Geschichte gepackt, die klein anhebt und mich Stunde um Stunde tiefer in die Welt der Titanen zieht, getragen von einem Soundtrack, den ich wahlweise im Original oder frisch arrangiert genieße. Dass das Bild im Handheld-Modus etwas weicher ausfällt und die Bildrate nicht in jeder Sekunde hält, trübt meine Freude kaum, denn die flüssigere Bildrate tut diesem betagten Klassiker sichtlich gut. Habt ihr die Xenoblade-Reihe bislang nie angefasst, dann fangt hier an: geduldig erklärt und angenehm flott unterwegs. Mein erster Ausflug auf den Bionis war jede einzelne Stunde wert, und dank des Äther-Jets wurde die riesige Welt dabei nie zur Last.








