Monochrome Order – TEST

Rollenspiele aus dem Hause Kemco werden oftmals recht schnell abgestempelt, da nur die allerwenigsten Titel des japanischen Publishers mit Besonderheiten glänzen. Monochrome Order überrascht sogar so sehr, dass wir den Controller nicht mehr aus der Hand legen wollen.

 

 


Tag für Tag werden auf der Welt juristische Entscheidungen mit Auswirkungen auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft getroffen, die nicht immer alle beteiligten Personen zufriedenstellen. Obwohl Gerichte die Verantwortung haben, ein Urteil ausschließlich nach dem Gesetz zu fällen, müssen dazu unzählige Faktoren beachtet werden. Als Unbeteiligter fällt es da häufig viel leichter, vorschnell ein Urteil zu fällen, was im schlimmsten Fall ungeahnte Dimensionen annimmt. Die Entwickler des Rollenspiels Monochrome Order haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Thematik in ihrem Fantasy-Werk zu verarbeiten. So schlüpfen wir im Spiel in die Rolle eines Richters, den wir zu Beginn des Abenteuers selbst benennen dürfen.

Von unserem Vorgesetzten Jystice erhalten wir die Aufgabe, in die Welt hinauszuziehen und genau da Urteile zu sprechen, wo sie benötigt werden. Dementsprechend werden wir recht schnell in das Tagwerk unserer Spielfigur eingeführt, müssen uns mit den zahlreichen Bewohnern der Spielwelt in richtig dosierten Dialogen unterhalten und ihre ernstzunehmenden Probleme lösen. Was bei den ersten zwei, drei Anfragen der Bevölkerung noch leicht ist, wird im Verlauf der Handlung selbst bei unscheinbaren Nebenaufgaben immer komplizierter, denn was zunächst positiv klingt, kann auch äußerst negative Folgen für uns und das Fantasy-Reich haben.

Gefällte Urteile und ihre Konsequenzen

Zum Beispiel verlangt eine verwitwete Dame, dass wir den Mörder ihres Mannes zum Tode verurteilen. Dieser hat sich gestellt und bereut seine Tat, zumal er im Krieg den Auftrag seines Königs ausgeführt hat. Erfüllen wir den Wunsch der Witwe, werden wir aufgrund ihrer plötzlich einsetzenden Gewissensbisse mit Geld und einem Ring belohnt. Außerdem steigt dadurch unser Ruf bei der Bevölkerung und auch der Frieden im Königreich wird gestärkt. Wollen wir den Täter aber verschonen, da er schließlich in Kriegszeiten gehandelt hat, sinkt unsere Reputation. Geld oder Ring sehen wir dann ebenso wenig. Allerdings schließt sich der Mann daraufhin unserer Gruppe an und ein zusätzliches Schwert im Kampf können wir immer gut gebrauchen.

An einer anderen Stelle in Monochrome Order verlangt hingegen der Finanzminister eines Königreichs, dass wir ein Urteil sprechen: Der hiesige Waffenladen möchte gerne expandieren und „gute“ Qualität für günstigere Konditionen anbieten. Damit ist einer der angestellten Schmiede aber nicht einverstanden, denn für ihn zählt nur die allerbeste Qualität, die dann auch gerne ein wenig mehr kosten darf. Wir müssen uns also entscheiden, inwiefern wir die Wirtschaft des Landes ankurbeln wollen. Genehmigen wir die Finanzspritze, können wir fortan preiswerter einkaufen, kommen dann aber nicht in den Genuss der etwas besseren Rüstungen.

Lebendige Spielwelt

Es macht wirklich Spaß, die Ansichten der facettenreichen Nicht-Spieler-Charaktere anzuhören und am Ende zu entscheiden, was das Beste für alle Beteiligten ist. Da vergessen wir hin und wieder glatt die spannende Story um ein mysteriöses Mädchen, das Jystice in die Finger kriegen will. Auch hier müssen wir entscheiden, inwieweit wir es mit unserem Vorgesetzten verscherzen wollen. Während anderen Rollenspielen von Publisher Kemco schnell die Puste ausgeht, kann Monochrome Order auch noch nach Stunden überzeugen. Das liegt nicht nur am interessanten Urteilssystem, sondern auch an der organischen Spielwelt. In irgendeiner Weise scheinen alle Figuren, so nebensächlich sie anfangs auch sein mögen, miteinander verknüpft.

Wenn uns jemand auf der Straße beim Erstkontakt nur etwas über die Stadt erklärt, können wir so gut wie sicher sein, dass diese Person uns später einen Hinweis gibt, wo wir womöglich einen gesuchten Straftäter finden. Diese Art der Detektivarbeit hilft uns dabei, uns in den Städten schnell zurechtzufinden, sodass wir uns sofort heimisch fühlen. Damit sich der volle Spielspaß in Monochrome Order entfalten kann, sind aber gute Englischkenntnisse unabdingbar. In vielen Dialogen außerhalb von Haupt- und Nebenaufgaben werden meist nur unnütze Informationen verbreitet, aber besonders beim Fällen von Urteilen sollte jedes einzelne Wort verstanden werden, damit die Konsequenzen überhaupt erahnt und abgeschätzt werden können.

Angenehm spielbares 16-Bit-Rollenspiel

In allen weiteren Belangen fühlt sich Monochrome Order wie ein klassisches japanisches Rollenspiel der 16-Bit-Ära an. So erkunden wir die Spielwelt aus der leicht versetzten Vogelperspektive, fordern in rundenbasierten Zufallskämpfen Monster und humanoide Gegner heraus, erhöhen durch Siege die Stufen unserer Spielfiguren, kaufen mit den erbeuteten Goldstücken neue Rüstungen und lassen beim Schmied unsere Waffe gegen bare Münze verbessern. Zum Glück verzichtet der Titel auf Ballast wie lästiges Looten. Wollen wir neue Orte erkunden, müssen wir sie zunächst über die zusammenhängende Spielwelt erreichen, um sie anschließend wie in Baldur’s Gate über eine Oberweltkarte auszuwählen.

Optisch erinnert uns Monochrome Order an eine Mischung aus Trials of Mana und den Werken des deutschen RPG-Maker-Enthusiasten Kelven. Obwohl die Spielwelt selten trostlos wirkt, hätten wir vor allem innerhalb der Dungeons ein wenig mehr von den Entwicklern erwartet. Dafür kommen wir in den Genuss von schönen Musikstücken, die die mittelalterliche Atmosphäre gut untermalen. Nur wenn wir uns zu lange in einer Stadt aufhalten, kann der Soundtrack aufgrund mangelnder Abwechslung ein wenig stören. Steuerungstechnisch gibt es hingegen nichts zu beanstanden, denn jede einzelne Bewegung wird ohne Verzögern erkannt. Trotz verzichtbarer Mikrotransaktionen gehört Monochrome Order neben dem ebenso von Entwicklerstudio Hit-Point stammenden Legend of the Tetrarchs definitiv zu den besten Rollenspielen des Publishers.

Geschrieben von Eric Ebelt

Fazit:

Monochrome Order wirkt auf den ersten Blick recht unscheinbar. Unter der Oberfläche des Retro-Rollenspiels schlummert aber eine ungeheure Tiefe, denn nicht nur in der Haupthandlung, sondern auch bei vielen Nebenaufgaben werde ich ständig dazu animiert, Urteile zu fällen und mit den Konsequenzen leben zu müssen. Es handelt sich bei den Auswirkungen meiner Urteile nicht nur um leichte Abweichungen im Spielverlauf, denn jedes Urteil hat auch einen Einfluss auf die Spielwelt – beispielsweise in der Berechnung der Preise in den Läden. Hinzu kommen eine spannende Story, viele interessante Charaktere und das überaus klassische Gameplay, das mich in einer motivierenden Suchtspirale immer mehr in den Bann des Spiels zieht. Auch wenn ich durchaus meinen Spaß mit Monochrome Order habe, gibt es hier und da noch Luft nach oben: So erwarte ich von geübten Entwicklern im Rollenspielgenre zum Beispiel deutlich intelligenter aufgebaute Dungeons. Auch die Mikrotransaktionen gehören meiner Meinung nach abgeschafft, auch wenn sie selten so wenig gestört haben wie in Monochrome Order. Wer sich auf ein Rollenspiel von Kemco einlassen will, kommt neben Legend of the Tetrarchs nicht um Monochrome Order herum!